Kosten zu hoch

Friseurin flieht wegen Corona in die Türkei

Viel länger hätte der Pony der ersten Kundin nach dem Lockdown, Bettina Malessa, auch nicht mehr sein dürfen: Sie strahlt hinter ihrer Maske, als die Ober-Röder Friseurmeisterin Lina Habibullah ihr den Umhang anlegt.
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Viel länger hätte der Pony der ersten Kundin nach dem Lockdown, Bettina Malessa, auch nicht mehr sein dürfen: Sie strahlt hinter ihrer Maske, als die Ober-Röder Friseurmeisterin Lina Habibullah ihr den Umhang anlegt.

Der Lockdown hat Friseurin Lina Habibullah aus Rödermark nahe Offenbach hart getroffen. Aber sie bekam auch viel Solidarität zu spüren.

Rödermark – Friseurmeisterin Lina Habibullah hat im Lockdown viele Tränen geweint – mehr als die Kolleginnen, die während der Corona-Beschränkungen ebenfalls ihre Geschäfte schließen mussten. Denn Lina Habibullah war wochenlang bei ihren Eltern, die aus Afghanistan in die Türkei geflüchtet waren. Das Leben in Deutschland hätte sie sich ohne Einnahmen nicht leisten können.

Ein kurzer Blick zurück in bessere Zeiten: „Mein Wunsch ist es, dass mein Salon ganz gut geht, damit ich zeigen kann, wie weit man als afghanische Frau hier kommen kann!“ So hatte die Offenbach-Post im Winter 2020 Lina Habibullah, geboren 1989 in Kabul, zitiert. Sie hatte im Dezember 2018 ihren Meistertitel im Friseurhandwerk erworben – als eine der drei Besten aus rund 550 Prüflingen. Bei der Eröffnung war Corona noch eine Seuche im weit entfernten China.

Friseurin aus Rödermark nahe Offenbach: Kunden schicken ihr Beistand in die Türkei

Jetzt hat Lina Habibullah diese 13 Monate zumindest vorläufig überstanden. Aber ihre Corona-Bilanz liest sich traurig: „Sehr, sehr schlecht, mit vielen, vielen Tiefpunkten. Ich habe viel geweint, auch als ich an meinem absoluten Nullpunkt mehrere Wochen in die Türkei zu meinen dorthin geflüchteten Eltern gefahren bin. Aber ich habe sie bisher überstanden, wenn auch mit einer ungeahnten Menge von Schulden und jetzt auch gesundheitlichen und psychischen Problemen. Aber ich habe sie überstanden, dank der Tatsache, dass ich hier in Deutschland bin.“

Doch sogar in der Türkei hatte sie moralischen und praktischen Beistand und musste nicht alles alleine stemmen. Aus dem fernen Ober-Roden haben ihr viele Menschen geholfen, am meisten ihre treuen Kunden. „Sie haben immer wieder angerufen oder geschrieben, haben nachgefragt, ob und wie sie mir helfen können, und haben mir sogar Päckchen geschickt“, erzählt Lina Habibullah. Besonders dankbar ist sie ihrem Vermieter, der ihr im Shutdown das Geld für den Salon gestundet hat: „Warum soll ich dich hier noch mehr kaputt machen? Wenn du schließen musst, nutzt uns das nichts!“

Friseurin darf ihren Salon in Rödermark bei Offenbach wieder öffnen

Diese Kulanz hilft ihr ebenso wie die Treue ihrer Mitarbeiterin, die Kurzarbeit gemacht hat und jetzt wieder an Bord ist. Die Zukunft ist verschwommen, Lina Habibullah hat in den nächsten drei bis vier Wochen keinen freien Termin mehr und wird sehr viel arbeiten dürfen. Schon als sie noch vor der eigentlichen Öffnung ihre Salontür aufschloss, stürmte ein Mann in den Laden: „Haben Sie einen Termin für mich? Ich nehme jeden Termin, egal wann! Sie sehen ja, wie ich aussehe!“ Gut zwei Wochen muss er nun noch warten – dennoch verließ er den Salon strahlend.

Erste Kundin mit Termin war Bettina Malessa, die Lina Habibullah mit Erinnerungen begrüßte: „Weißt du noch, als ich Ende November das letzte Mal da war? Da wolltest du meinen Pony unbedingt länger lassen. Aber ich habe wohl schon geahnt, dass ich so schnell nicht wieder hierher kommen kann. Ich kann ja jetzt kaum mehr aus den Augen schauen!“

Wegen Corona: Unbezahlte Rechnungen stapeln sich bei Friseurin aus Rödermark nahe Offenbach

Finanziell muss die Friseurmeisterin abwarten: „Die November-Hilfe vom Staat habe ich bekommen, aber für die nächste Rate gab’s bis vor Kurzem noch nicht mal Antragsformulare online. So habe ich ganze Berge von Rechnungen von BAFöG-Rückzahlungen bis zum Einkauf neuer Pflegeprodukte unbezahlt zuhause liegen. Aber ich habe jetzt sogar eine neue Auszubildende. Das gibt mir Mut zu sagen: schau an, was ich hier schon alles geschafft habe!“

Trotz der eher holprigen staatlichen Unterstützung ist Lina Habibullah immer noch sehr glücklich, hier in Deutschland zu sein. „Ich habe erst hier in Deutschland das Gefühl vermittelt bekommen, die Menschen richtig Wert zu schätzen – das habe ich in Afghanistan nie erfahren. Hier hilft man sich untereinander, hier sind die Mitbürger besorgt umeinander. Das macht mir Mut für die Zukunft. Ohne meine Stammkunden hätte ich das alles nicht geschafft. Sie geben mir die Sicherheit, dass es klappen kann. Ich fühle mich längst wie eine Deutsche – nur die Bürokratie ist tatsächlich schrecklich.“ (Christine Ziesecke)

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