Viel durchlebt und erlitten

„Jahrgang mit Herz“: Die Geschichte einer besonderen Generation

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Wehmut und Freude mischen sich, wenn Edmund Beckmann in den vielen Fotoalben blättert, in denen er die Reisen des Jahrgangs 1927/28 dokumentiert hat. Die meisten seiner noch lebenden Mitglieder sind 91, einige sogar 92 Jahre alt. Daher haben die einstigen Ober-Röder Schulkameraden ihre geselligen Aktivitäten eingestellt.

Die 68 „Buben“ und „Mädchen“ des Ober-Röder Schuljahrgangs 1927/28 haben viel erlebt und manches durchlitten. Edmund und Hans Beckmann haben ihre Geschichte gesammelt und so ein großes Stück Orts- und ein kleines Stück Weltgeschichte dokumentiert.

Ober-Roden – Der Schuljahrgang 1927/28 ist wahrscheinlich der einzige in ganz Rödermark, dessen Erinnerungen man in der Stadtbücherei lesen kann. Zwei DIN A 5-Broschüren liegen im Regal der heimatkundlichen Schriften. Edmund und Hans Beckmann, weder verwandt noch verschwägert, waren über Jahrzehnte hinweg die rührigsten Chronisten des Jahrgangs.

Der zieht sich nun aus der Öffentlichkeit zurück, ein Gedenkgottesdienst in St. Nazarius war vor wenigen Wochen die letzte gemeinsame Aktivität. „Am Ende haben wir nur noch Kränze bei Beerdigungen niedergelegt“, beschreibt Edmund Beckmann die typischen Alterserscheinungen. Von den 68 „Achtundzwanzigern“ leben immerhin noch acht Frauen und sechs Männer; sie haben das gesegnete Alter von 91 oder 92 Jahren erreicht.

Als sie geboren wurden, hatte Ober-Roden exakt 3003 Einwohner. Pfarrer Schuster ließ den Grundstein für die evangelische Kirche legen, und im „Löwen“ wurde das Lichtspieltheater mit 300 Plätzen eröffnet. Damit konnte jeder zehnte Ober-Röder die neuesten Filme anschauen. Ihr Wasser aber mussten die Leute aus Brunnen schöpfen. Elektrisches Licht gab"s noch keines.

Das brannte 1935 erstmals im katholischen Pfarrhaus, haben die Jahrgangs-Chronisten notiert. Seine Mitglieder gingen damals zur Schule. Die Lehrerinnen hießen alle „Fräulein“ mit Vornamen, denn verheiratete Frauen hatten Mitte der Dreißigerjahre offenbar andere Pflichten. Fräulein Sturm mit akkurat gestecktem Haarknoten lehrte die Kinder Religion und verteilte Fleißkärtchen.

Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs mussten viele junge Männer des Jahrgangs 1927/28 die Heimat mit der Flak schützen. Einige wurden jedoch auch an die Ost- und Westfront geschickt. Ludwig Mieth starb am 20. Januar 1945, der erste Tote des Jahrgangs.

Rödermark-Ober-Roden: Das Leben nach dem Krieg

Nach dem Krieg nahmen die „Achtundzwanziger“ ihr Leben in die Hand. Sie gründeten Familien, waren erfolgreich in Beruf, Verein und Gesellschaft und fühlten sich einander immer verbunden. Schon früh verstanden sie sich als „Jahrgang mit Herz“. Das hat er auch für jene, die auf der Schattenseite des Lebens stehen. Zum 70. Geburtstag spendete er 1 500 Mark für die Kinderhilfestiftung. Damit begründeten die „Achtundzwanziger“ eine Tradition, der sie bis zuletzt treu blieben.

Die „Quetschkommod“ war oft dabei, wenn der Jahrgang früher auf Reisen ging. Ehrensache, dass sogar auf Parkplätzen einige Lieder angestimmt wurden.

Diese Generation blieb ihrem Heimatort Ober-Roden verbunden. Nur wenige zog"s nach Kiefersfelden an der Grenze zu Österreich oder ins norddeutsche Peine. Das war offensichtlich „ganz weit weg“. Fragt man Edmund Beckmann, wohin seine Schulkameraden gingen, die einfach nur „weit weg“ zogen, kommt als Antwort „Eppertshausen, Dudenhofen und Urberach“.

Rödermark-Ober-Roden: Eine zusammengeschweißte Gruppe

Mehrtägige Reisen und Feiern haben den „Jahrgang mit Herz“ zusammengeschweißt. Die Ausflugsberichte sind das Herzstück der eingangs erwähnten Broschüren. Doch der Blick hinein lohnt sich noch aus ganz anderen Gründen. Die Autoren verstanden sich immer als Orts-, Deutschland- und Weltchronisten. Fürs Jahr 1993 vermerkten sie in Ober-Roden den Überfall auf die Volksbank mit 70 000 Mark Beute und die Eröffnung des „Paramount Park“. 1995 war ihnen der Beginn des BSE-Skandals in Groß-Britannien eine Notiz wert und 1997 der Unfalltod von Prinzessin Diana.

Und wussten Sie, wer 1998 Deutschlands Sportlerin des Jahres war? Die Kugelstoßerin Astrid Kumbernuss. Der „Jahrgang mit Herz“ ist eben auch einer mit Sportverstand.

VON MICHAEL LÖW

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