Ober-Roden

Rödermark: Erinnerungen an die gute alte Kirmeszeit

Peter Stein mit Überresten des Familienfotoalbums von Peter Raab. Leider sind viele fotografische Erinnerungen bei Bombenangriffen auf Offenbach verbrannt. Dort lebten Peter Raab und Familie in der Glockengasse.
+
Peter Stein mit Überresten des Familienfotoalbums von Peter Raab. Leider sind viele fotografische Erinnerungen bei Bombenangriffen auf Offenbach verbrannt. Dort lebten Peter Raab und Familie in der Glockengasse.

Peter Stein hat als Schausteller in vierter Generation über Jahrzehnte hinweg sämtliche Kerbvergnügen, Jahrmärkte, Volksfeste und Weihnachtsmärkte in Stadt und Kreis Offenbach bereichert.

Rödermark - Das Foto, mit dem unsere Zeitung die Absage der Weiskircher Kerb bebilderte, zeigte ein zweistöckiges Karussell. „Auf dem hab’ ist als Kind so gern gesessen. Es hat meinem Opa Peter Raab gehört. Damals hatte ich noch langes, blondes Haar.“

Auch Raab war Schausteller – wie zuvor schon sein Vater. Und Peter Raab war erfinderisch. Bei seinen phantasievollen Eigenbauten von Fahrgeschäften griff er Strömungen der Zeit auf, um das Interesse der Kundschaft zu wecken. So kam’s, dass sich mal ein spektakulärer Zeppelin-Nachbau auf dem Gestell drehte oder dass sich an den Ketten zwei malerisch-weiße Schwäne gegenüber hingen und zum Sitzen einluden.

Zeppelin auf dem Karussell

„Er hat immer etwas Besonderes gebracht und hatte Mut zum Risiko“, erinnert sich Peter Stein voller Respekt. Zum Beispiel organisierte er einmal allen Ernstes eine Kerb auf dem zugefrorenen Main. „Das würde ihnen heute kein Rathaus mehr genehmigen. Abgesehen davon, dass der Main heute natürlich nicht mehr zufriert.“

„Raab’s Sicherheit-Schaukel“ – stolz steht Peter Raabs Team vor einer selbst gebauten Schiffschaukel.

Raab war ein Pionier und hatte eine Nase für Trends, die das Geschäft auf dem Rummelplatz beleben. So baute er zum Beispiel den Vorläufer eines Autoscooters mit hölzernen Autokarosserien, die über einen sanften Hügel rollten. Und selbstverständlich war er der erste Schausteller in der Offenbacher Kante, der ein mobiles Kino betrieb: „Raabs Original-Biograph“ stand in großen Buchstaben an der feudalen Holzfassade überm Eingang, der dem prächtigen Portal einen Luxusvilla mit Säulen und Türmchen nachempfunden war.

Warum Raab nicht den damals durchaus üblichen Begriff „Kinematograph“ für sein mobiles Lichtspielhaus wählte, lässt sich heute nur noch vermuten. Vielleicht sollte „Biograph“ auf den im abgedunkelten Zuschauer-Zelt verwendeten Projektor vom Typ „Bioskop“ hinweisen. Das „Bioskop“ war in den 1930er-Jahren gemäß dem Internetlexikon Wikipedia ein Projektionsapparat der Berliner Filmtechniker Eugen und Max Skladanowsky, der 54-Millimeter-Film mit zwei Filmschleifen verwendete.

Erstes mobiles Kino in Rödermark

Erfinderisch war der gebürtige Grevenbroicher auch beim Bau seiner Schiffschaukeln. Immer hatten sie ein Verdeck aus festem Stoff. „Der Reiz bestand dann darin, immer bis an die Plane ran zu schaukeln. Sie war deshalb extra verstärkt“, erzählt Peter Stein.

Sein Fotoarchiv zuhause hält zwar noch einige Raritäten aus der guten alten Schaustellerzeit bereit. Viele fotografische Zeitdokumente sind aber leider verbrannt. Etwa bei Bombenangriffen auf Offenbach 1943/44 mit verheerenden Treffern in der Glockengasse, in der Peter Raab wohnte. Die Erinnerung an die markante Persönlichkeit der Offenbacher Schaustellerszene freilich bleibt trotzdem bestehen.Von Bernhard Pelka

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Mehr zum Thema

Kommentare