Besser als viele Profis

Rödermark: Reinhard Berker ist ehrenamtlicher Ortskern-Führer

Ein Auskenner mit Pfeife: Reinhard Berker führt Neu-Rödermärker und Alteingesessene durch den Ort. Und verblüfft dabei gelegentlich sogar Letztere.
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Rödermark-Auskenner mit Pfeife: Reinhard Berker führt Neu-Rödermärker und Alteingesessene durch den Ort. Und verblüfft dabei gelegentlich sogar Letztere.

Rödermark hat keine professionellen Stadtführer. Aber Reinhard Berker steht als Ehrenamtlicher den Kollegen in Seligenstadt oder anderen Fachwerk-Schönheiten kein bisschen nach.

Rödermark - Wer kennt ihn nicht? Reinhard Berker, Jahrgang 1951, in Dieburg geboren, lange Jahre im Herzen von Ober-Roden zuhause, erst in einem Kolonialwarenladen in der Schulstraße und seit den 60er Jahren im Schreibwaren- und Spielzeugladen direkt gegenüber vom Rathaus, Obstbauer, Immobilien- und Grundbesitzer, Musiker und vieles mehr. Und seit einigen Jahren vor allem als Hobby-Ortsführer im „Fränkischen Rundling“ – die geschlossenen Hofreiten rund um die St. Nazarius-Kirche und den Marktplatz – wie der Rattenfänger zu Hameln unterwegs.

In den vergangenen Wochen fällt er besonders auf: Zog er doch nun schon zum dritten Mal mit einer ganzen „Seilschaft“ von Menschen, an einem langen Tau auf Corona-Abstand gehalten, durch Ober-Roden. Er weiß fast alles aus dem Ort; er kennt ganze Schatzkisten voller Anekdoten und kann das auch noch auf beste Stoltze-Manier in astreinem Oweräirerisch bedichten.

Reinhard Berker, wie kommt es, dass Sie hier so vieles kennen und so viel Wissen über die Geschichte dieses Ortes und seiner Menschen hier haben?

Zunächst liegt es daran, dass ich mich immer schon für die Menschen im Ort interessiere. Ihre verschiedenen Charaktere sind hochinteressant, ihre Familienverhältnisse noch mehr. Und damit das nicht vergessen geht, hat mein Vater, der top gebildet und ein großer Musiker war, schon viel für uns Kinder aufgeschrieben. Ich habe das dann in verstärktem Maße fortgeführt.

Waren Sie immer hier im Ort?

Ich habe in Dieburg Abitur gemacht, war danach der erste Kriegsdienstverweigerer im Raum Darmstadt/Dieburg, habe Handelsschule in Darmstadt gemacht und bin dann sofort in unseren Laden eingestiegen, wo ich fast 60 Jahre hinter der Theke stand. Schon als Zehnjähriger durfte ich mit meinem Vater Ignaz mit zu Messen fahren und habe da die Waren mit ausgesucht. Da habe ich viele Kontakte bekommen und Erlebnisse gehabt und vor allem viel gehört und aufgenommen.

Und wie kamen Sie zu den Ortskern-Führungen?

Mit dem Schäfer-Eck fing alles an. Bei der ersten Sitzung der Interessengemeinschaft IGOR kam die Frage auf, wo denn dieses „Schäfer-Eck“ sei – da begann die erste Führung, die mit Kaffee und Kuchen bei mir endete. Danach baten die Herren darum: „Das müssen wir noch mal mit unseren Frauen machen!“ Und so ging"s auch weiter, in der Spitze mit bis zu 120 Personen im Schlepptau. Vor allem die Laternenrundgänge zwischen Weihnachten und Neujahr kamen unerwartet gut an, nicht nur wegen des abschließenden Glühweins. Und immer stand der „Fränkische Rundling“ im Mittelpunkt.

Wie merken Sie sich das alles und wie bewahren Sie Ihr Wissen auf?

Ich habe von meinem Großvater und meinem Vater viele historische Dokumente ab 1856 vererbt bekommen, die mittlerweile auch großteils schon beim Heimat- und Geschichtsverein aufbewahrt werden. Und ich habe schon früh begonnen, alles auf Karteikarten aufzuschreiben. Viele Gedichte, Anekdoten und eigene Texte kommen da zusammen. Ich schreibe vor allem abends nach 10 Uhr oder morgens ab 5 Uhr. Schließlich gibt es unendlich viele eigene Erinnerungen. Wir hatten schließlich auch die erste Drogerie und vor allem die erste Leihbücherei im Ort; meine Großmutter väterlicherseits stammte aus dem Traditionsgasthof „Zum Löwen“ – da wurde gerade auch bei Familientreffen so einiges geredet.

Die „Seilschaften“ sind nach einiger Zeit wieder Ihre ersten größeren Führungen – haben Sie pausiert?

Die Interessen verändern sich. Derzeit mache ich sehr viel im „Dinjerhof“ statt bei IGOR. Zudem bin ich sonntags wie auch während der Woche als Christ stark eingebunden. Ich helfe bei allem rund um den Altar, als Küster, Lektor und Kommunionhelfer in Eppertshausen mit, dem Heimatort meiner verstorbenen Frau. Zudem war ich zeitweise Vorsitzender in vier Vereinen, neben Geschäft und drei Kindern und mittlerweile sehr interessierten Enkeln.

Können Sie nicht mal Ihre gesamten heimatkundlichen Erinnerungen in einem Buch veröffentlichen, damit sie nicht verloren gehen?

Wenn da mal eines reicht. Aber ich bin auch in Zukunft ausgelastet.

Haben Sie eigentlich ein Lebensmotto?

Ja. Es lautet: „Gratia vivo, gratia ago, gratia mortudo“ – aus Gnade lebe, handle, sterbe ich.

Das Gespräch führte Christine Ziesecke

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