Kultur trotz Pandemie

Theatermacher tauschen Bühne gegen Garten und Wohnzimmer 

Fünf Quadratmeter pro Besucher, mindestens 1,50 Meter auseinander – das bedeutet für die Nedelmanns, dass sie nur vor 18 Besuchern drinnen und 22 draußen spielen können. Foto: Ziesecke

Die Theatermacher Friederike und Oliver Nedelmann versuchen, mit Vorstellungen in Gärten und einem kleinen Publikum im ohnehin kleinen Wohnzimmer über die Runden zu kommen. Das Ehepaar hat für teures Geld ein dickes Hygiene-Paket geschnürt.

Rödermark – „Als wir unser Wohnzimmertheater Mitte März schließen mussten, hielten wir eine Spielpause von sechs Wochen für großzügig gedacht.“ Die Schauspieler Friederike und Oliver Nedelmann mussten leider rasch erkennen, dass dies eine schöne Illusion war. Zwischenzeitlich bangten sie, ob es in diesem Jahr überhaupt noch weitergeht oder – wie in Kulturhalle und Kelterscheune – 2020 bei ihnen gar keine Veranstaltungen mehr stattfinden können.

Doch nun kann es schrittweise losgehen - zwar mit ausgeklügeltem Raumplan und minutiösem Hygienekonzept. Beides ist organisiert, und die Vorschriften hängen schon auf vier DIN A4-Zetteln an der Tür des behindertengerechten Theaters. Der Nachteil, wenn am 5. Juni die erste Vorstellung beginnt: Dann dürfen nach genauer Berechnung nur noch maximal 18 Besucher im Wohnzimmer oder 22 vor dem Theater dabei sein.

Das bedurfte auch eines neuen Spielplans. Gestartet wird mit dem witzig-zart-rasanten Stück „Der Gutschein“; dann kommen „Das Pubertier“ oder „Don Camillo & Peppone“ zurück, während der Sommer der Rödermärker Geschichte „Wir packen das“ gewidmet ist.

„Und wir haben das große Glück, dass wir ein Paar sind und wirklich zusammen proben und spielen dürfen“, freut sich Friederike Nedelmann auf die Zukunft.

Nun weiß aber niemand so recht, ob die Menschen sich schon wieder ins Theater trauen. Die Urberacher Theatermacher wissen, wie sie es anfangen müssen: Kommt der Prophet nicht zum Berg, muss der Berg zum Propheten kommen. „Spielen in fremden Gärten“ lautet die Formel. „Wir kommen zu Ihnen, in den Garten, auf Balkon oder Terrasse oder ins Wohnzimmer. Wir kommen still und leise und mit jeglichem Platz aus, der da ist, stellen nur unsere Sachen ab und können sofort loslegen.“ Theater pur. Ohne großes Brimborium.

Genauso „körperlos“ sind sie danach wieder verschwunden; bezahlt wird online. Die Nedelmänner spielen eine kleine Szenenfolge, beschwingt, garantiert coronafrei – etwa 20 Minuten lang, für 200 Euro.

In Planung sind parallel mehrere Projekte. So etwa gemeinsam mit dem Urberacher Kabarettisten Volker Heymann der Klassiker „Dinner for one“, ebenso eine Geschichte um Nina Hagen und vielleicht auch um das Rödermärker Original Joe.

Geplant ist auch eine Kooperation mit dem „Dinjerhof“, der ebenfalls ab dem 5. Juni wieder seine Tore öffnet. Hausherr Wilhelm Schöneberger denkt an einen regelmäßigen Spieltermin bei kleiner Bewirtung im kostenfreien Hof – hier hilft man sich einfach gegenseitig.

„Falls wir ab 5. Juni alle Veranstaltungen mit der Maximalbesetzung spielen könnten und falls einige Sondervorstellungen wie die „fremden Gärten“ dazu kämen, könnten wir am Jahresende vielleicht auf das halbe Einkommen anderer Jahre hinkommen. Das waren bisher 71 000 Euro brutto gewesen für uns beide zusammen“, hat Oliver Nedelmann ausgerechnet. Die Ersparnisse – und damit die Alterssicherung – sind aufgebraucht.

Ihr Urlaub fällt in diesem Jahr ohnehin aus – wer fährt jetzt schon nach Portugal. Und andere kleinere Einnahmequellen müssen die zusätzlichen Kosten von Trennwänden bis zu Hygienebedarf decken.

Bisher kam das Theaterpaar ohne amtliche Sicherung des Existenzminimums und Hartz IV aus. „Aber da sind noch viele offene Fragen. Können wir dann weiter in der Künstlersozialkasse bleiben?“, weist Nedelmann auf Unwägbarkeiten hin. Es gibt in Hessen immer noch keine Fördermaßnahme, die auf selbstständige Künstler zugeschnitten ist.

Was es immerhin gibt, ist ein Drei-Stufen-Plan „Hessen kulturell neu eröffnen“. Der sieht 2 000 Euro pro Künstler als erstes „Arbeitsstipendium“ während der größten Durststrecke vor und danach, wenn diese Arbeit neue Früchte zeitigt, noch einmal eine weitere Förderung ab Oktober. „Das muss reichen. Darum hoffen wir nun auch auf private Spenden.“ Das Spendenkonto ist auf der Homepage unter „Hilfe zu Zeiten von Corona“ zu finden.

Info im Internet: theater-und-nedelmann.de

Von Christine Ziesecke


Die Kultur in Offenbach erhalten - dafür hat die Stadt eine große Spendenkampagne gestartet. So können Bürger ihren Lieblingskulturorten helfen.

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