Flüchtlingsnetzwerk vermittelt Patenschaften

Rödermark: Patenschaft mit Flüchtlingen bereichert beide Seiten

Flüchtling Jamal Naimi (29) und seine  Patin Ulla Tüncher in Rödermark.
+
Rödermark: Jamal Naimi (29) kann bei seiner Patin Ulla Tüncher vor allem seine Deutschkenntnisse verbessern und akute Probleme besprechen.

Wohl jeder Mensch, allein in einem fremden Land, wünscht sich jemanden, der ihn – bildlich – an die Hand nimmt und ihm vieles zeigt und erklärt. Wie stark brauchen das wohl erst Flüchtlinge, die mit schrecklichen Bildern im Kopf und auf oft lebensbedrohlichen Fluchtwegen in Rödermark ankommen?

Rödermark - Das Netzwerk für Flüchtlinge in Rödermark (NFR) wirbt deshalb um Paten für diese Neuankömmlinge. Nur offiziell bestätigte Patenschaften bekommt der Verein bezuschusst, doch das bedarf nur einer formlosen Unterschrift, an die keine finanziellen oder zeitlichen Vorgaben geknüpft sind. „Paten sind die wichtigsten Integrationshelfer“, sagt Brigitte Speidel-Frey, die Vorsitzende des Vereins. „Sie können Ansprechpartner, Begleiter, Lotsen, Freunde oder auch Kulturbotschafter sein.“

Aktuell betreut der Verein 51 Menschen; 98 haben diese Betreuung schon durchlaufen. Viele sind zwischen 20 und 30 Jahre alt, darunter auch viele Eltern mehrerer Kinder, aber auch traumatisierte Jugendliche. Gleich nach der Ankunft gibt es drei fast überlebenswichtige Notwendigkeiten: die deutsche Sprache lernen, eine Wohnung und einen Job finden. Da können die Rödermärker helfen – etwa im Arbeitskreis Jobintegration oder eben als Paten.

Die Urberacherin Doris Brunner (59), selbstständige Karriereberaterin, ist seit rund vier Jahren ehrenamtliche Patin bei der Flüchtlingshilfe. Auslöser waren nach der großen Flüchtlingswelle 2015 ihre Neugier und „die Erkenntnis, dass Integration nur mit einem 1:1-Kontakt gelingen kann“. Es geht ihr dabei nicht um Betreuung, sondern um ein gegenseitiges Geben und Nehmen.

„Wir sind nicht die Gutmenschen, die immer geben. Gerade auf diesem Gebiet ist es selbstverständlich, dass auch wir aus dem Kontakt etwas bekommen und lernen. Ich selbst erlebe große Offenheit und kann daraus sehr viel an neuen Erfahrungen mitnehmen“, sagt sie.

Nach einer jungen Iranerin unterstützt Doris Brunner mit ihrem Mann ein Ehepaar. Ob die Hilfe bei der Suche nach einer Praktikumsstelle oder bei Alltagsproblemen: „Auf diesem Weg wuchs bei uns die Erkenntnis, wie schwierig es allein schon ist, die Berufsschule zu meistern, obwohl das ausländische Paar studiert hat und aus hoher sozialer Schicht kommt.“

Längst ist eine Art Freundschaft entstanden. Die Deutschen lernen viel über Hintergründe und Historie in Persien. Die Flüchtlinge wiederum lernen rasch, dass auch hier nicht alles glänzt. Seit fast vier Jahren ist das Paar, das mittlerweile Nachwuchs hat, nicht anerkannt, obwohl sie die Sprache beherrschen und sich einwandfrei auf Deutsch unterhalten können. Die fehlende Anerkennung stellt vor allem bei der Ausbildung oder Arbeitsvermittlung eine große Hürde dar – der Mann könnte nicht einmal in Rodgau Arbeit annehmen, sondern muss in Rödermark bleiben.

Ein eindrucksvolles Beispiel ist die Patenschaft zwischen Ulla Tüncher und Jamal Naimi (29) aus Afghanistan. Er lebt seit 2015 in Deutschland und ist sehr schnell als Asylberechtigter anerkannt worden. Mit dem Flugzeug in die Türkei und anschließend auf allen erdenklichen Wegen mit dem Bus und zu Fuß vier Monate unterwegs gewesen, kam er nach Rödermark, wo er mit einem Landsmann in der Einrichtung Am Mühlengrund lebt. Seit Kurzem hat er eine feste Anstellung im Sicherheitsdienst eines Frankfurter Geschäftes. In Afghanistan hatte Jamal Naimi nach dem Abitur dank seiner sehr guten Englischkenntnisse für die Nato gearbeitet – nach dem Abzug der meisten Soldaten verlor er seinen Job und musste um sein Leben fürchten.

Mit Ulla Tüncher hat Jamal Naimi eine aufmerksame Patin, die er im „Café Eine Welt“ kennengelernt hat. „Beide haben wir uns gegenseitig gefragt: ‚Wenn du Zeit hast...?“ Und seither treffen sie sich mindestens wöchentlich zum Deutschlernen, zum Gedankenaustausch und um voneinander zu lernen. „Wir Paten lernen und profitieren dabei ebenso. Und oft stoßen wir auch an unsere Grenzen. Etwa wenn Jamal mich aus seinem Kurs anschreibt und fragt: ‚Ulla, was sind Modalverben?“, schildert Ulla Tüncher ein Beispiel. Oder sie muss ihm erklären, was ein landwirtschaftliches Nutzfahrzeug oder ein Betriebsrat ist: „Da muss man erst mal bei Demokratie und vielem mehr beginnen. Dabei bekomme ich selbst ein ganz neues Gefühl für unsere deutsche Sprache.“

Jamal Naimi ist sehr dankbar und will unbedingt auch zurückgeben. So half er längere Zeit, als er ohne feste Arbeit war, beim „Rödermärker Brotkorb“ mit. Für die Freie evangelische Gemeinde holte er eine Telefonzelle aus Heidelberg ab, die die später zur Übersetzungskabine während der Gottesdienste wurde und ihm dann auch selbst wieder half. Mit Ulla Tüncher erlebt er auch die neue Heimat über Rödermark hinaus: unter anderem bei Ausflügen nach Seligenstadt oder zum Otzberg. „Ulla ist wie eine Familie für mich; wenn ich ein Problem habe, kann ich immer anrufen oder schreibe ihr kurz eine What’s App.“

Und immer steht im Vordergrund zwischen Flüchtlingen und ihren Paten: Nichts ist Pflicht, nichts wird automatisch erwartet, aber viele kleine Schritte können eine große Wirkung haben – und das gilt für beide Seiten und ist einen Versuch wert. (Von Christine Ziesecke) Kontakt: Telefon: 06074 61649 oder netzwerk-fluechtlinge-roedermark.de

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Mehr zum Thema

Kommentare