"Edelvoices können auch Theater"

Rödermarks ältester Verein bringt 70 Sänger, Musiker und Schauspieler auf die Bühne

Viele der von Friederike und Oliver Nedelmann gespielten Szenen wurden von den Chormitgliedern mimisch und gestisch begleitet. Foto: Ziesecke
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Viele der von Friederike und Oliver Nedelmann gespielten Szenen wurden von den Chormitgliedern mimisch und gestisch begleitet.

Es ist geschafft! Das große „Auf die Liebe“-Projekt der Sängerlust Edelweiß, im anspruchsvollen Arrangement mit Bandbegleitung und Theater-Rahmenhandlung, hatte seine Premiere und seine zugleich leider auch einzige Vorstellung. Rödermarks ältester Verein feierte damit seinen 160. Geburtstag.            

Ober-Roden – Weit über ein Jahr anstrengende und immer wieder auch zweifelnde Vorarbeit war am Samstagabend abgeschlossen; das Publikum in der fast voll besetzten Kulturhalle dankte dem großen Ensemble mit gewaltigem Beifall. Die 70 Sängerinnen und Sänger kamen weitgehend vom gemischten Chor „Edelvoices“. Ergänzt wurden sie mit singenden Gästen, die sich für dieses eine Projekt mit angeschlossen haben. Dazu gesellte sich erstmalig eine Band, die mit Benedikt Berker, Oliver May und Stephan Kalup stets dezent im Hintergrund, aber immer erstklassig agierte. Und dazu die Urberacher Profi-Schauspieler Friederike und Oliver Nedelmann: Für einen reinen Chor, der noch nie in dieser Kombination zusammen gesungen und gespielt hat, war"s eine echte Herausforderung.

Nach der – von allen Ensemblemitgliedern bestätigten – ausgesprochen holperigen Generalprobe konnte die Aufführung nur gut werden. Auch wenn die Nervosität vor allem bei Mitwirkenden groß war. Und es wurde gut, und für das Auge des Betrachters saß jeder der unzähligen Umbauten innerhalb des Chores, jede neue Requisite von den transportablen Zimmerwänden bis zu den Regenschirmen oder dem Strandtuch.

Rödermark: Eine köstliche Rahmenhandlung

Die Sängerinnen und Sänger, sonst nur für ihre Stimme und höchstens noch ihren Standplatz in den Stimmlagen zuständig, mutierten gelungen zu windgeschüttelten Bäumen, durchgerüttelten Straßenbahnfahrern oder plaudernden Restaurantbesuchern. Sie standen rechtzeitig wieder auf ihren Plätzen, wenn ihre Einsätze kamen, und staunten wohl selbst über ihre Wandlungsfähigkeit. Das haben sie wohl zu weiten Teilen dem Schauspielerpaar Friederike und Oliver Nedelmann zu verdanken, die die Idee hatten, die wunderbare Geschichte „Harry  & Sally“ – 1989 als humorvolle Liebesromanze verfilmt – in kleinen Szenen mit einzubauen.

Daraus wurde eine köstliche Rahmenhandlung und – wie sollte es anders sein – ein eigenes Stück fürs Nedelmann-Theater, das am 1. November unter dem Titel „love, love, love“ Premiere hat. Die witzigsten und erinnerungswürdigsten Szenen aus „Harry & Sally“, die sich in Rödermark zu Harald und Sabine gemausert haben, bildeten nun den Rahmen für jene 13 völlig unterschiedlichen Liebeslieder, die der Chor- verbunden mit den „Rodauschiffern“ präsentierte: Szenen, die viel vergnügtes Lachen im Publikum auslösten und die von außen mit beeinflusst wurden, als etwa der Ex-Bürgermeister Roland Kern aus der ersten Reihe die unvergessliche Stöhn-Szene unterbricht. Wunderbar agierten auch die Paare Karin und Eckhard von der Lühe, Angelika und Roland Kern und die Organisatoren, Britta und Hugo Graf, die auf der Couch oder in Bildern von ihrem Kennenlernen bis hin zur großen Liebe erzählen. In der Kulturhalle wurde das als Filme eingeblendet.

70 Sängerinnen und Sänger hatten sich in dem Projektchor etwa ein Jahr lang auf das Edelweiß-Geburtstagskonzert vorbereitet. Foto: Ziesecke


Dass in diesem Bericht über das von Sponsoren unterstützte Projektkonzert der Ursprung, die vielstimmig gesungenen Liebeslieder von Daliah Lavi bis Chris Roberts und von Tina Turner bis Elton John fast zu kurz kommt, liegt an der Vielschichtigkeit des Bühnengeschehens, das den Sängerinnen und Sängern sehr viel Konzentration abverlangt hat.

Jeder im Saal kannte jedes der Lieder und war versucht mitzusingen, nicht erst bei der alles abrundenden Beatles-Hymne „All you need is love“. Und doch staunten die Zuhörer über immer neue Varianten und ungeahnte Feinheiten bei diesen eingängigen Liedern, die fast schon Gassenhauer sind.

Rödermark: Akteure und Publikum nach dem Abend traurig

Für die gesangliche Leistung waren vor allem zwei Männer verantwortlich, die sich viele Monate – so manchmal zwischen Verzweiflung und Euphorie – mit diesen 13 Liedern und den 70 Sängerinnen und Sängern herumgeplagt haben, aber wohl doch auch hochzufrieden den Abend ausklingen lassen konnten: die Musikdirektoren Hans-Dieter Müller und Wilhelm Jünger. Beide sind eng verwachsen mit dem Edelweiß-Chor, und beide waren als A Capella- wie auch Oratoriensänger für ein solches Projekt leicht zu begeistern gewesen.

Nur eines stimmte sowohl Akteure als auch Publikum nach dem ausgesprochen originellen Abend traurig: All die viele Arbeit für ein einziges Konzertereignis – das ist sehr viel Aufwand, den die Ideengeber und Organisatoren Britta und Hugo Graf anlässlich des 160. Vereinsgeburtstags auf sich genommen haben. Doch sicher wird so manches Lied auch in den kommenden Konzertprogrammen der „Edelvoices“ seinen Platz finden.

VON CHRISTINE ZIESECKE

Vor fast 30 Jahren war das noch beschaulichere Ober-Roden die In-Adresse fürs chice Party-Publikum. Wir blicken auf Glanz und Niedergang des „Paramount Park“ zurück.

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