Fehlende Perspektiven

Brand zerstört Familienunternehmen – von der Stadt kommt keine Hilfe

Fast 500 Tonnen Chemikalien und Löschwasser sammelten sich nach dem Brand in Tanks, die im Keller installiert waren. Das verhinderte ein Umweltdesaster.
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Vor sechs Jahren zerstörte ein Brand das Familienunternehmen Hitzel in Rödermark (Offenbach).

Ein Brand zerstört ein Familienunternehmen in Rödermark im Kreis Offenbach. Die Besitzerinnen fühlen sich von der Stadt alleine gelassen.

Rödermark – 40 Rödermärker Firmen hatten innerhalb von drei Jahren bei der Wirtschaftsförderung nach Grundstücken gefragt, nur drei konnte geholfen werden. Stabsstellen-Chef Till Andrießen hatte Alarm geschlagen und gewarnt: Selbst alteingesessene Unternehmen könnten abwandern.

Diese Mitteilung bringt Ulrike Kriegsch und Kerstin Hunkel-Hitzel auf die Palme. „Wir haben schon seit Jahren nichts Konstruktives mehr von der Stadt gehört“, klagen die Chefinnen des am 30. Juli 2015 niedergebrannten Familienunternehmens Hitzel Oberflächentechnik. Zwei Monate später stellte es den Betrieb ein, fast 30 Menschen verloren ihre Arbeit.

Was war passiert? Ein technischer Defekt in der Abluftanlage hatte einen Großbrand ausgelöst. Obwohl 80 Feuerwehrleute aus Rödermark und Dietzenbach stundenlang gegen die Flammen kämpften, war die Halle nicht zu retten. Glück im Unglück: Das mit Chemikalien belastete Löschwasser lief in Sammelbehälter. Die verhinderten, dass die hochgiftige Brühe in die Kanalisation lief.

Brand in Rödermark (Offenbach): Schaden in Millionenhöhe

Der Schaden: ein noch einstelliger Millionenbetrag. Die letzte Rate zahlte die Versicherung erst Anfang dieses Jahres. Etliche Euro mussten die Schwestern Kriegsch und Hunkel-Hitzel einklagen.

„Anfangs waren wir noch euphorisch und wollten das Lebenswerk unseres Vaters wieder aufbauen“, blickt Ulrike Kriegsch auf den Sommer 2015 zurück. Aber die Versicherung machte diese zarte Hoffnung schnell zunichte. Sie hätte dem Galvanik-Unternehmen nur ein Jahr Unterbrechung gezahlt, doch in dieser Zeit sei ein Wiederaufbau unmöglich gewesen.

Die Überreste der Fabrikhalle, die bei einem Brand in Rödermark (Offenbach) zerstört wurde.

Monatelang suchten die beiden Frauen nach Spezialisten, die das mit Säuren, Laugen und Cyaniden belastete Löschwasser umweltgerecht entsorgten. Derweil drang durchs Dach der Brandruine immer wieder Regen ein. Am Ende standen 464 Tonnen Flüssigkeiten auf der Rechnung des Entsorgers. Die letzten Sammelcontainer konnten erst Ende vorigen Jahres abgeholt werden.

Rödermark (Offenbach): Nach Brand einer Fabrikhalle erteilt die Stadt nur Rechnungen

Noch gewaltiger war die Menge an festen Stoffen, die wegmussten: 700 Tonnen Stahl, Mauerwerk, Schlamm und geschmolzene Maschinen. Selbst von der Bodenplatte der Halle wurde der Beton abgefräst, damit keine belasteten Materialien zurückblieben.

Von der Stadt bekamen die Unternehmerinnen zunächst nur eine Rechnung über 7 500 Euro. Posten wie 1 060 Euro für interne Besprechungen im Rathaus und 870 Euro für Besprechungen in der Kläranlage oder 267 Euro für Telefonate lassen sie nur den Kopf schütteln. 2017 stand schließlich das erste Gespräch mit dem damaligen Ersten Stadtrat Jörg Rotter, Wirtschaftsförderer Till Andrießen und Bauamtsleiter Thomas Kron im Terminkalender von Ulrike Kriegsch.

Sie wollte wissen, wie die Stadt bei der Suche nach Käufern oder Mietern für das 3 200 Quadratmeter große Grundstück in der Senefelderstraße helfen kann. Der Handelskonzern Edeka hatte bei den Schwestern schon Interesse bekundet. Die enttäuschende Antwort der Stadtvertreter: Die Baunutzungsverordnung aus dem Jahr 1968 verbiete dort sowohl Einzelhandel als auch Speditionen. Sie schließt außerdem ein Boarding-House für Pendler oder Studenten aus, an das Kriegsch und Hunkel-Hitzel wegen der Nähe zum Bahnhof und zur B 45 gedacht hatten.

Brand von Familienunternehmen in Rödermark (Offenbach): „Es ist schmerzlich“

Ulrike Kriegschs Fazit: „Wir waren sehr überrascht, dass die Stadt diese Verordnung nicht ändern wollte.“ Märkte und Discounter gibt es südlich der Max-Planck-Straße reichlich. Und in vielen ehemaligen Firmengebäuden entlang der Senefelderstraße wohnt nur noch der frühere Inhaber.

Daher brachte sie als nächstes eine Erweiterung des „Urbanen Gebiets“ links und rechts der Odenwaldstraße ins Gespräch. Dieses Anfang 2017 vom Deutschen Bundestag beschlossene Instrument der Bauleitplanung erleichtert die Umwandlung nicht mehr genutzter Gewerbegrundstücke in Wohnraum oder soziale Einrichtungen. CDU und AL hatten es wenig später für Ober-Roden beschlossen. Seither habe sie nur Schlagworte gehört, jedoch kein auch nur ansatzweise konkretes Konzept gesehen, klagt Ulrike Kriegsch: „Mir fehlen die Visionen vonseiten der Stadt.“

Ihrer Schwester tut der Stillstand nur noch weh: „Es ist schmerzlich zu sehen, dass man ein Grundstück hat, das einfach nur rumliegt und Geld kostet statt welches zu bringen.“ (Michael Löw)

Erst vor Kurzem kam es wieder zu einem Brand in Rödermark im Kreis Offenbach: Zwei Menschen wurden verletzt.

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