Silberstreif am Horizont?

Hoffen auf ein Ende der Corona-Pandemie im Altenheim

Corona isoliert vielen Menschen in Altenheimen wie dem Haus Morija in den Zimmern oder auf ihren Stationen. Umso größer ist die Freude über kleine Geschenke, selbst wenn sie nicht von den Angehörigen persönlich übergeben werden können.
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Corona isoliert vielen Menschen in Altenheimen wie dem Haus Morija in den Zimmern oder auf ihren Stationen. Umso größer ist die Freude über kleine Geschenke, selbst wenn sie nicht von den Angehörigen persönlich übergeben werden können.

Das Haus Morija aus Rödermark war besonders stark von der Corona-Pandemie betroffen. Die Schwestern kamen im Einsatz an ihre Grenzen.

Rödermark – Was andere Altenheime möglicherweise noch vor sich haben, hat das Haus Morija in Rödermark schon durchgestanden. Es war ein Corona-Hotspot; während der besonders kritischen Wochen starben zwölf Bewohner des 100-Betten-Hauses. Jetzt haben die Christusträger die Lage offenbar im Griff. Seit drei Wochen gibt es keine Neu-Infektionen mehr.

Monatelang konnten die Christusträger-Schwestern, die das Haus Morija leiten, hochzufrieden mit ihrem infektionsfreien Altenpflegeheim sein. Ende Oktober endete dieses Glück jäh. Bewohner wie Mitarbeiter quer durch alle Altersgruppen erkrankten binnen weniger Tage teilweise schwer an Corona. Das noch einsatzfähige Personal stand vor fast unlösbaren Problemen, die es dank guter Organisation und einem schier unvorstellbaren Arbeitspensum fast rund um die Uhr heute, kurz vor Weihnachten, weitgehend ausgestanden hat.

Corona im Pflegeheim: Schwestern ziehen ins Haus Morija

Vier Schwestern zogen deshalb schon Anfang November aus ihrem Haus in Waldacker ins Haus Morija: die Leiterin, Schwester Sibylle Heiß, ihre Stellvertreterin Regina Neidhart, die Schwestern Hildegard Graf und Dagmar Quenzer. Die beiden Letzten mussten die Fürsorge für ihre Schutzbefohlenen teuer bezahlen. Denn in ihren Wohnbereichen haben sie sich mit Covid 19 infiziert.

Die Statistik ist bitter: Seit Ende Oktober hatten sich 36 Bewohnerinnen und Bewohner mit dem Virus angesteckt, die meisten davon binnen weniger Tage. Auch 23 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter (von denen drei mit schweren Symptomen ins Krankenhaus kamen) aus den gleichen zwei Stockwerken wurden krank.

Schwestern im Haus Morjia im Kreis Offenbach am Limit

Die dritte Etage blieb verschont und wurde hermetisch abgeriegelt. „Das war eine Riesen-Herausforderung, auch wenn wir ein fertiges Konzept hatten“, erinnert sich Schwester Sibylle mit Grausen. Nur wenige ehrenamtliche Mitarbeiter waren betroffen, weil sie sich wohl bei Besuchskontakten angesteckt hatten. Unter Bewohnern wie unter Mitarbeitern gab es schwache wie heftige Verläufe; auch Jüngere hatten mit schweren Symptomen zu kämpfen.

„Der angespannten Situation geschuldet, mussten wir teilweise die Tests selbst bei den Zentren abholen, durchführen und wieder abgeben“, sagt die Leiterin. Das Gesundheitsamt testete mangels Kapazitäten nur die erkennbar Betroffenen, „was zu einer großen Verunsicherung bei allen anderen führte und den Mitarbeitern nur schwer zu vermitteln war“. Täglich wurde die Lage immer schwieriger. Die Mitarbeiter legten nicht nur Sonderschichten ein, sondern haben freiwillig fast schon rund um die Uhr gearbeitet, Urlaube verlegt oder abgebrochen. Dazu kam die Erstellung eines Einrichtungs-Test-Konzepts, das beim Hessischen Ministerium für Soziales, Integration und Gesundheit eingereicht werden musste.

Corona-Krise im Kreis Offenbach: Ständiges Warten gehörte zum schrecklichen Alltag

Im Haus sprang Schwester Hildegard Graf, die Leitung der Abteilung Soziale Dienste, mit in die praktische Arbeit ein. Denn das Leitungsteam wollte vermeiden, wie andere Häuser über Zeitarbeitsfirmen Fachkräfte von außen anzufordern. Das hätte neue Ansteckungsgefahren bedeutet. Stattdessen schickten die Christusträger drei Schwestern und einen Bruder aus anderen Häusern zur Hilfe nach Ober-Roden.

„1000 Details mussten besprochen werden. Allein die Neuorganisation der Nachtdienste war eine Herkulesaufgabe. Doppelzimmer mussten getrennt werden; nicht Infizierte wurden zusammengelegt ebenso wie positiv getestete. Und die ganze Arbeit in den beiden betroffenen Stockwerken stets in voller Montur – Maske, darüber Visier und dazu die Schutzkleidung. Es war so viel Arbeit, wir konnten einfach nur noch funktionieren“, beschreibt Schwester Sibylle diese kritische Phase. Schnelltests gibt es erst in den letzten Wochen in begrenzter Zahl; so gehörte das ständige Warten zum schrecklichen Alltag.

Extrem belastend für die Schwestern: Den Angehörigen die Nachricht überbringen, dass ihre Lieben positiv getestet wurden und teilweise sehr schwer erkrankt sind. Besuche waren nur erlaubt, wenn Bewohner im Sterben lagen. Die Leiterin: „Wir haben zwar im Spätsommer vom Land Tablets zur besseren Kommunikation für die Bewohner bekommen, doch für die Schwerkranken nutzte das nichts. Doch wir sind sehr dankbar, dass die Angehörigen fast durchgehend sehr verständnisvoll reagiert haben.“ Statt Vorwürfen gab es Rücksicht. Manche kamen noch einmal zu Abschiedsbesuchen unter die Fenster.

Zwölf Menschen im Haus Morija überlebten die Corona-Pandemie nicht

Die Seuche kostete zwölf Frauen und Männer das Leben. Bis auf vier, die im Krankenhaus starben, waren alle bis zu ihrem Tod im Heim zur Pflege – ein hohes Risiko für die Schwestern. Die meisten der Verstorbenen lebten in der geschlossenen Gruppe „Mohn“. Das sind Demenzerkrankte, die nicht nachvollziehen können, warum sie Abstand halten müssen.

Im Haus helfen der Heimbeirat und der Freundeskreis mit, wo es machbar ist. Von außen unterstützende Helfer in der Not waren vor allem die Palliativhelfer der Johanniter. „Und wir haben einen ganz großen Zusammenhalt verspürt, wofür wir sehr dankbar sind“, freuen sich die Heimleiterinnen, die eine große Beruhigung in all der Zeit des Leids hatten: Das benachbarte Haus Mamre für betreutes Wohnen, das ja räumlich wie organisatorisch mit dem Haus Morija verbunden ist, blieb bislang von Corona verschont, auch wenn die Bewohner ja zur Risikogruppe gehören.

Man merkt dem Leitungsteam, das seit November rund um die Uhr im Altenheim lebt, die völlige Erschöpfung an. „Aber jetzt haben wir wohl das Schlimmste hinter uns“, atmet Schwester Sibylle Heiß durch. „Wir haben noch neun vor einiger Zeit positiv Getestete im Haus, aber wir haben seit drei Wochen keine neuen Infektionen. Wie es an Weihnachten aussehen wird, ist im Haus ebenso unklar wie in der übrigen Gesellschaft.

Schwestern im Haus Morija im Kreis Offenbach schöpfen Kraft aus ihrem Glauben

„Wie wir das selber alles schaffen? Wir stützen uns gegenseitig und geben uns Halt, sonst ginge es gar nicht. Wir wissen jetzt erst, was man im Ernstfall alles schaffen kann. Aber der Advent, die Zeit der Erwartung, ist für uns tröstlich“, schöpft Schwester Regina Neidhart Kraft aus ihrem Glauben. Soweit dies möglich ist, bereiten die Schwestern den Bewohnern an den Adventssonntagen erfreuliche Abwechslungen.

Das sind nicht nur kleine Präsente, die etwa die Schulkinder von der Kita St. Nazarius an der Pforte abgegeben haben, sondern auch musikalische Überraschungen. So spielt Schwester Doris im Garten Trompete; Mitglieder von Musikschule und Musikverein 06 Urberach musizieren auf Abstand. Auch für Heiligabend ist schon einiges in Planung – falls bis dahin alles so bleibt wie jetzt. (Christine Ziesecke)

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