Petra Lang aus München geht auf Spurensuche

Rödermark: Swingerclub war einst Kinderheim

Auf einer Postkarte aus den Fünfzigerjahren wird die Villa Bloch sogar als Kinderheim geführt. An diese Zeit können sich aber nur noch alte Urberacher erinnern.
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Rödermark Auf einer Postkarte aus den Fünfzigerjahren wird die Villa Bloch sogar als Kinderheim geführt. An diese Zeit können sich aber nur noch alte Urberacher erinnern.

Unter dem Namen „Oase“ ist die einstige Villa des Unternehmers Robert Bloch als Swingerclub weit über Rödermark-Urberach hinaus bekannt. Und auch als Privatzoo, aus dem eine Raubkatze ausriss, kam sie bundesweit in die Schlagzeilen. Was nur wenige wissen: Das Anwesen diente zeitweise als Kinderheim. Petra Lang verbrachte dort ihre ersten beiden Lebensjahre.

Rödermark – Robert Bloch, Chef der gleichnamigen Hutstofffabrik, und seine Frau Elise wollten – anders als der Rest der Unternehmerfamilie – in Urberach nicht nur Geld verdienen. 1923 ließen sie an der Straße nach Messel eine Villa bauen, die in der Umgebung ihresgleichen suchte. Ende 1927 zogen die Blochs ein. Von da an trat der jüdische Unternehmer als Mäzen auf und beschenkte auch die Kinder, die von katholischen Schwestern betreut wurde. In den Fünfzigerjahren war die Villa Bloch ein Kinderheim.

Petra Lang lebte dort von 1955 bis Anfang 1958. Längst ist sie in München zuhause, 2006 ging sie zum ersten Mal in Urberach auf Spurensuche.

Auf die Welt gekommen ist Petra Lang in der Uniklinik Frankfurt. „Meine leibliche Mutter hat mich dort gelassen.“ Sieben dürre Worte reichen ihr zur Beschreibung eines Kinderschicksals. An ihre ersten beiden Lebensjahre hat Petra lang kaum Erinnerungen. Ein Flur des riesigen Anwesens hat sich in ihr Gedächtnis eingeprägt und ein Stuhl mit geflochtener Lehne. Auf alle Fälle hätten sich die Schwestern gut um sie gekümmert – dessen ist sich Petra Lang auch 63 Jahre später noch ganz gewiss.

Denn Ende 1958, damals war sie zweieinhalb, wurde sie von einem Ehepaar aus Neu-Isenburg adoptiert. „Als ich zu meinen Adoptiveltern kam, konnte ich noch nicht sprechen, war aber gut genährt“, erzählt Petra Lang, was sie später in ihrem neuen Zuhause erfahren hatte. Und noch ein Erinnerungsfetzen aus dem Heim: Dort hatte man ihr beigebracht, mit geschlossenen Händen zu beten. In der Hugenottenstadt tat sie"s dann mit gefalteten Händen.

Mit 23 fängt Petra Lang an, ihre Familiengeschichte zu ergründen. Sie findet vier Geschwister, zu denen sie heute lockeren, aber herzlichen Kontakt hat, und ihre leibliche Mutter, die sie vor deren Tod aber nur einmal sieht.

Den letzten Schritt geht die Wahl-Münchnerin erst Jahrzehnte später: 2006 stirbt Petra Langs Adoptivmutter. Um ihr nicht wehzutun, hatte sie sich bis dahin noch nicht auf die Suche nach dem Heim gemacht. In diesem Jahr fährt Petra Lang zum ersten Mal nach Urberach, allein. 2007 zeigt sie ihrem Mann das „wunderschöne Kinderheim“: „Da traf ich einen jungen Mann, der mir stolz sagte, schauen Sie sich um. Das ist kein Puff, das ist ein Swingerclub.“ Vermutlich war"s der jetzige „Oase“-Betreiber Josef Horvat, der die Villa Bloch vor einem Vierteljahrhundert zu einem der renommiertesten Swingerclubs in Deutschland gemacht hat. „Viele lustige Details“ hat Petra Lang erfahren.

Wer weiß mehr?

Jetzt würde sie gerne mehr über das von katholischen Schwestern betriebene Heim wissen, das 1957 zusammen mit dem TN-Gelände eine Postkarte mit Urberacher Sehenswürdigkeiten ziert. Wer Petra Lang mit Informationen über das Kinderheim und seine Bewohner helfen kann, darf sich gerne an unsere Zeitung wenden. Am besten mit einer E-Mail an michael.loew@op-online.de. (Michael Löw)

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