Rödermark

Erfahrungen mit Corona: „Man hört von mehr Todeszahlen. Dann geht das Kopfkino los.“

Morgens sägte Michel Simon-Gerl noch Kaminholz. Mittags kratzte es im Hals, und seine Corona-Leidenszeit begann. Das ist Wochen her, doch der 34-Jährige hat immer noch an den Folgen zu knabbern.
+
Rödermark: Morgens sägte Michel Simon-Gerl noch Kaminholz. Mittags kratzte es im Hals, und seine Corona-Leidenszeit begann.

Gesunde junge Menschen stecken Corona leicht weg – denken viele. Aber Michel Simon-Gerl aus Rödermark musste spüren, wie ihn ein „mittelschwerer“ Verlauf aus der Bahn warf.

Urberach – Michel Simon-Gerl hat eine Corona-Infektion überstanden. Ein Lungenfacharzt beschrieb den Verlauf als „mittelschwer“. Aber wenn er erzählt, was er in diesen Wochen durchgemacht hat, mag man nicht an einen schweren Krankheitsverlauf denken. Der durchaus sportliche 34-Jährige warnt deshalb alle vermeintlich fitten Altersgenossen, Covid 19 auf die leichte Schulter zu nehmen.

Angefangen hat die Krankheit an einem Samstag, an dem Michel Simon-Gerl morgens noch mit der Motorsäge im Wald gearbeitet hat. Später spürte er die klassischen Erkältungssymptome: leichtes Halskratzen und Husten, über Nacht kamen das Gefühl von Mattheit und Kopfschmerzen dazu.

Nach positivem PCR-Test: Corona-Infektion mit typischen Covid-19-Symptomen

Da bis Montag keine Besserung eingetreten war, ging er zum Hausarzt und ließ einen PCR-Test machen. Tags darauf stand das Ergebnis fest: „Covid 19 positiv“. Sein erster Gedanke: „Na ja, wenn es das ist, dann leg ich mich eine Woche hin, höre ein bisschen Musik, lese was und schaue mir Filme an, die schon ewig auf meiner Watchlist verstauben.“

Michel Simon-Gerl wurde noch am gleichen Tag eines Schlechteren belehrt. Er konnte kaum noch laufen, klagte über üble Kopf- und Gliederschmerzen, und der Husten wurde immer stärker. Vor lauter Schwindel konnte er nicht mehr richtig aufstehen; außerdem bekam er starken Schnupfen und verlor Geruchs- und Geschmackssinn – eines der typischen Covid-Symptome.

Corona-Krankheitsverlauf: Atemprobleme und keine Kraft, um aufzustehen

„Ich merkte nach und nach, dass ich Atemprobleme bekam und die Luft, die ich einatmete, gefühlt, nicht ausreichte“, wurde ihm immer mulmiger. Der Gang in das Bad wurde zu einer Herkulesaufgabe. Selbst Essen zubereiten war absolut undenkbar. Da war er schon „dankbar“, dass seine Frau ebenfalls unter Quarantäne stand und ihn versorgen konnte. Außerdem haben Schwiegereltern und Schwägerin immer wieder Einkäufe vor die Tür gestellt. Er mehr als froh darüber: „Ich dachte in diesen Momenten sehr oft an Menschen, die alleinstehend sind, und fragte mich, wie das gut gehen kann.“

Der Jogger hat eine Uhr, die den Sauerstoffgehalt im Blut misst. Wahrscheinlich medizinisch nicht verwertbar, aber immerhin als Indiz ausreichend. Er beobachtete, wie schon fast stündlich dieser Wert sank. Die Atemprobleme verstärkten sich, das Aufstehen von der Couch fühlte sich wie ein Marathon an.

Panik nach Corona-Infektion: „Man hört von mehr Todeszahlen. Und dann geht das Kopfkino los.“

Ihm ging‘s von Stunde zu Stunde schlechter, und irgendwann stellte sich Panik ein: „Was macht man, wenn man krank ist? Man liegt auf der Couch, hört Radio und schaut Fernsehen. Da wird den ganzen Tag über die Pandemie berichtet und jeden Tag hört man von mehr und mehr Todeszahlen. Und dann geht das Kopfkino los. Und natürlich hatte ich besonders in der Situation Angst.“

Aber Michel Simon-Gerl will nicht dramatisieren, denn er hatte weder Fieber noch eine Lungenentzündung. An zwei Tagen war die Situation jedoch „kurz davor zu kippen“, sagt er. Seine Frau meinte später: „Da warst Du kurz davor, dass ich Dich ins Krankenhaus gefahren hätte.“ Zum Glück – „Und nichts Anderes als das verspüre ich, wenn ich an diese Situation denke!“ – hat sich der Zustand nicht verschlechtert, sondern stabilisiert. Schmerzen und Kreislaufprobleme wurden weniger. Husten und leichte Schwindelgefühle blieben, eine Woche lang waren Geruchs- und Geschmackssinn weg.

Michel Simon-Gerl hatte reichlich Zeit, über den Umgang der Behörden mit Covid-Infizierten nachzudenken: „ Insgesamt stand ich etwa zweieinhalb Wochen unter Quarantäne. Diese wurde trotz noch vorhandener Symptome und ohne Negativ-Testung aufgehoben. Was mich nach wie vor wundert.“

Nach Corona-Infektion: Genesung dauert wochenlang – Probleme auch nach der Quarantäne

Nach der Quarantäne schrieb ihn der Hausarzt eine weitere Woche krank, dann ging er wieder arbeiten. Gesund war er noch lange nicht, denn er hatte sechs bis acht Wochen starken Husten und vier Wochen schlimme Schwindelgefühle.

„Ich habe einen leeren Pappkarton ein Stockwerk getragen und war komplett außer Atem. Außerdem liegt mein Arbeitsplatz im ersten Stock. Den konnte ich nur im Schneckentempo und mit einer Hand am Geländer erreichen“, schildert er den Alltag. Er litt immer nach wie vor unter Atemproblemen und hatte besonders häufig im Ruhezustand das Gefühl, dass die Luft, die er einatmet, nicht ausreicht.

Dank eines Notfalltermins wurde er von einem Lungenfacharzt umfangreich untersucht. Ergebnis: Lunge und Herz sind in Ordnung. Aber selbst durch diesen mittelschweren Verlauf und vor allem durch den langen Husten wurden die Bronchien und das Nervengewebe drumherum arg in Mitleidenschaft gezogen. Die nächste schlechte Nachricht war, dass laut Arzt die Rückkehr zum Normalzustand vor Corona vier bis sechs Monate dauert.

Nach der Corona-Erkrankung zurück in den Alltag: Probleme mit Vergesslichkeit

Der Urberacher bekam Cortison- und Asthmaspray verschrieben sowie die Erlaubnis, langsam wieder mit Sport zurückzukommen. Vor Corona ging er zweimal die Woche in das Fitnessstudio und einmal fünf Kilometer joggen. „Also nicht unbedingt Ironman, aber auch nicht unsportlich“, beschreibt er seine Fitness.

Nach der offiziellen „Genesung“ hat er bei der Arbeit gemerkt, dass er sehr vergesslich ist, sich häufig verspricht oder verschreibt und ihm häufig Wörter nicht einfallen. Michel Simon-Gerl ist Sozialarbeiter und berät Menschen in oft schwierigen Situationen. „Ich kann mich heute teilweise an Gespräche, die ich ihm Januar geführt habe, nicht mehr erinnern“, machen ihm die Folgen der Corona-Infektion zu schaffen.

Michel Simon-Gerl kämpft sich wieder zurück und kann auch wöchentlich immer mehr Erfolge verbuchen. Der Weg ist allerdings ziemlich zäh: „Aber mit den Erfahrungen und der Perspektive, dass es Schritt für Schritt besser wird, kann ich gut umgehen.“

Corona: Ehepaar aus Rödermark – Antikörper trotz unterschiedlicher Krankheitsverläufe

Michel Simon-Gerl und seine Frau, die übrigens die ganze Zeit keine Symptome zeigte und einen negativen Corona-Test gemacht hatte, wollten auf Nummer sicher gehen und ließen einen Antikörpertest vornehmen. Sein Ergebnis war wenig überraschend. Sein Immunsystem hatte eine sehr hohe Anzahl von Antikörpern gebildet, die vor weiteren Infektionen schützen sollen. Interessant ist aber, dass seine Frau ebenfalls eine hohe Antikörperzahl hat – sogar mehr als er. Und das, ohne jemals Symptome gehabt zu haben. Ob die Antikörper dauerhaft sind, weiß keiner. Die beiden wollen sich im Drei-Monats-Rhythmus testen lassen und das Ganze beobachten.

„Umso erschreckender ist das aber, weil es einfach verdeutlicht, dass es auch asymptomatische Verläufe gibt, mit denen die Infizierten dann rumrennen und unwissentlich andere anstecken, bei denen dann eventuell schwere Krankheitsverläufe entstehen. Das zeigt diese Unberechenbarkeit dieser Krankheit“, warnt Michel Simon-Gerl alle, die Masken, Abstand und die anderen Anti-Corona-Maßnahmen für unverbindliche Empfehlungen halten. (Michael Löw)

Bei Michel Simon-Gerl wurde seitens der Ärzte „lediglich“ ein mittelschwerer Corona-Verlauf diagnostiziert. Eine 27-jährige Frau aus Offenbach berichtet von ihren Erfahrungen auf der Covid-Station im Krankenhaus.

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Mehr zum Thema

Kommentare