Ungewöhnliche Praxis

Blutdruck messen im Baucontainer

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Der graue Doppelcontainer auf der Großbaustelle im Mühlengrund ist für die nächsten eineinhalb Jahre die Praxis des Urberacher Allgemeinmediziners Dr. Dieter Knop.  

Urberach - Dr. Dieter Knop ist Hausarzt aus Leidenschaft und denkt mit 72 noch lange nicht ans Aufhören. Im Gegenteil: Seit Anfang 2018 betreut er seine Patienten in einem Container, weil das Haus, in dem er die Praxis hatte, abgerissen und durch einen Neubau ersetzt wird. Von Christine Ziesecke 

Auf der Liege Bügelsäge und Gehrungslade: nicht etwa für Patientenknochen, sondern für die Verkleidung der Kabelschächte, die der handwerklich versierte Arzt noch bauen will.

Dort will er in eineinhalb Jahren mit seinem Team einziehen. Wer derzeit die Praxis Dr. Knop am Mühlengrund 9 sucht, der muss mindestens zweimal hinschauen, bis er hoffentlich den Zettel an einem grauen Blechcontainer entdeckt. Was aus der Urberacher Großbaustelle wie das Büro der Bauleitung aussieht, ist seit Anfang Januar eine viel besuchte Arztpraxis. Seit rund 35 Jahren praktizierte der Allgemeinmediziner Dr. med. Dieter Knop im Mühlengrund 9 im Haus seines Vorgängers Hans Rost, der dort auch schon rund 30 Jahre seine Patienten versorgt hatte. Nach dessen Tod 2012 haben die Erben das Haus an den Ober-Röder Investor Ulrich Schwerber verkauft, der vor rund eineinhalb Jahren bei Dr. Knop vor der Tür stand und den Abriss ankündigte. Er plane einen Neubau mit 16 Wohnungen und bot Dr. Knop die Möglichkeit, im Parterre mit der Praxis einzuziehen. Schwerbers Offerte für die Zwischenzeit: ein Container, auf alle Ansprüche eines Hausarztes zugeschnitten.

Da Dr. Knop den langjährigen Praxisstandort gerne behalten wollte und trotz seiner 72 Jahre ein unternehmungsfreudiger Mensch ist, halfen alle verantwortlichen Stellen von Architekt Siegbert Huther bis zu der Stadtverwaltung mit, eine passende Übergangslösung zu organisieren. Das war allerdings nicht einfach, da alle Genehmigungen wie Wasser, Strom, Zufahrt oder Parken wie bei einem Neubau behandelt und entsprechend intensiv bearbeitet wurden.

Doch es klappte: „Weihnachten waren wir noch im alten Haus, und am 2. und 3. Januar sind wir umgezogen – und sehr schnell: morgens wurde angefangen, mittags um 14 .30 Uhr waren alle Teile umgeräumt“, freut sich der Arzt. Natürlich hat er einiges, was sich in 35 Jahren angesammelt hatte, ausgemistet, aber alles andere kam mit und fand dank guter Planung auch Platz. Alle Geräte sind angeschlossen, alle Akten sind auffindbar. Und alle Patienten strahlen, denn keiner wollte den Standort oder gar den Arzt wechseln.

„Was wir halt immer noch nicht haben – und wen wundert’s –, das ist Internet oder wenigstens einen Fax-Anschluss“, schmunzelt die gute Seele vom Empfang, Martina Ankenbrand, die wie zuvor zwischen Blumen, Kalender und Kaffeekasse ihrer Arbeit nachgeht, freundlich und lächelnd wie immer seit 2003.

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Das Telefon funktionierte dank Rufumleitung von Anfang an problemlos. Nichts hat sich größer verändert, die Praxiszeiten sind gleich geblieben, die Fürsorge ist unverändert – nur auf der Patientenliege im Arztzimmer liegen noch Holzleisten, eine Bügelsäge und eine Gehrungslade: „Ja, ich muss die Kabelkanäle fürs Internet noch bauen“, erklärt Dr. Dieter Knop, der dank seiner Leidenschaft für Holz auch als Künstler einen guten Namen weit über Rödermark hinaus hat.

Ob sich der Aufwand lohnt? „Sicher, wir rechnen ungefähr eineinhalb Jahre, bis der Neubau steht, in den wir dann wieder umziehen!“ Dann wartet am Mühlengrund 9 ein dreistöckiges Gebäude mit einer wunschgemäßen Praxis im Parterre auf den Mediziner. „Schließlich ist unsere Praxis und deren Lage fast schon historisch!“, sagt Dr. Knop angesichts der mehr als 65 Jahre, die dort sein Vorgänger und er praktiziert haben.

Knops rund 1000 Patienten im Quartal wollen ihn behalten: „Sie dürfen erst gehen, wenn wir sterben“, bitten sie ihn. Und Dr. Knop verspricht gerade angesichts der katastrophalen Ärzteversorgung in der Region: „Ich habe auch keinen Drang aufzuhören! Meine Mutter ist schließlich gesund mit 105 Jahre gestorben!“ Das lässt hoffen; da lohnt sich die Zeit im Container.

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