Szenische Collage

Theater geht unter die Haut: Jugendliche spielen Szenen aus KZ nach

Authentisch, tiefgründig: Die Jugendlichen ließen sich vom schweren Thema packen. Fotos: ziesecke

Leise war es, eine Stecknadel hätte man fallen hören bei der Premiere der szenischen Collage von „Aber es ist doch für immer passiert. . . “. Jugendliche spielen Szenen aus dem KZ nach.

Urberach - Elf junge Menschen spielen darin in kurzen Szenen Situationen von Jugendlichen in Ghetto und KZ nach, darunter auch die in Ober-Roden geborene Rosel Hecht oder auch Anne Frank, durch Kontaktpersonen verbunden mit der heutigen Zeit und ihren eigenen Erfahrungen.

Geschrieben hat das Stück Oliver Nedelmann; betreut wurde die Gruppe auch von Christiane Murmann, Mitinitiatorin der Rödermärker „Stolpersteine“.

Elf junge Menschen hatten den Spagat zwischen der für sie nur schwer erfassbaren Vergangenheit und ihrer eigenen Wirklichkeit gewagt und ihn meisterlich geschafft, dank der einfühlsamen und doch drastischen Texte des Theatermannes. Zur Premiere war die Kelterscheune voll besetzt. Die Stille im Raum verriet, wie sehr das Stück die Besucher fesselte und wie sehr jeder Zuhörer betroffen war.

Nach dem ungewohnt langen Schlussapplaus blieb es erst einmal dunkel im Saal und niemand drängte so wie üblich durch die engen Reihen zum Ausgang. Es hatte wohl niemand ans Licht gedacht, bis Friederike Nedelmann aufstand und den Raum erhellte. Doch diese Dunkelheit tat gut und war nötig; Schauspieler wie Zuschauer mussten erst einmal durchatmen.

Auch den jungen Mimen fiel es sichtlich schwer, sich aus ihrer Rolle heraus wieder im Publikum unter Freunde und Verwandte zu mischen. Hörbar Luft pustend und mit hochroten Wangen kamen sie die Stufen zwischen der grausamen Spielwelt und der Wirklichkeit herunter.

Nur langsam und sehr ruhig kamen die Besucher miteinander ins Gespräch. Ellen und Willi Böllert etwa, die sich erinnerten: „Ich war 1945 elf Jahre alt. Etwa zwei Jahre vorher war die jüdische Familie, die zwei Häuser weiter wohnte, plötzlich nicht mehr da, und ich glaube, es wusste spontan wirklich keiner, wo sie waren – kein Möbelwagen und nichts“. Und die beide stellten fest: „Wir finden es ungeheuer mutig von diesen jungen Leuten, nach einem eigenen Besuch im KZ dies nun zu spielen. Wir glauben, dass sie durch dieses Stück mehr dazu gelernt haben als auf allen anderen Wegen.“

Pfarrer Carsten Fleckenstein hat schon beruflich viel mit dem Thema und den Reaktionen darauf zu tun; außerdem hat der aktuelle Gemeindebrief den Theologen und Märtyrer Bonhoeffer im Mittelpunkt. Ihn quält immer „die Grundfrage: Wie konnten sich Menschen für so etwas hergeben und wie konnte so etwas passieren.“

Fast sprachlos war der Dietzenbacher Künstler Arno Kuchinka: „Ich kann es gar nicht in Worte fassen. Ich bin absoluter Antifaschist, das ist mir das Wichtigste, und das zog sich wie ein roter Faden hier durch. Es ist bedenklich, dass seit Anfang des Jahres der Antifaschismus wieder so wichtig wird – man muss aufstehen und es zeigen!“

AZ-Chef Lothar Rickert fiel es schwer, direkt nach diesem Stück aufs Umbauen der Halle und Umstellen der Stühle umzuschalten. „Das war sehr ergreifend und berührend und die Umsetzung war sehr gut gemacht, bis hin zu dem Satz eines Schülers: ‚Ich finde es gut, dass wir in der Schule gezwungen wurden, uns mit diesem Thema zu beschäftigen‘.“

Bürgermeister Jörg Rotter ist stolz auf diese Form der Umsetzung eines so wichtigen Themas, dankt dafür allen Beteiligten und freut sich, dass dieses Stück nun auch in anderen Gemeinden in den Schulen präsentiert wird und dass ihn bereits einige seiner Kollegen in der Premiere begleitet haben.

Christiane Murmann betont nach ihrer hautnahen Erfahrung mit den Schülern, wie erstaunlich ernsthaft sie sich in ihrem jungen Alter mit dem Thema beschäftigt haben. „Es geht immer darum, Bezugspunkte zu finden: wie wird man zum Opfer? Wie wird man zum Täter? Wie fühlt man sich als Opfer? Wie fühlt man sich als Täter? Das hier ist nicht so ein Betroffenheitsding, sondern es darf ruhig dabei mal geschmunzelt oder gelacht werden, aber dann bleibt einem dieses Lachen auch wieder im Halse stecken.“

Oliver Nedelmann war auf seine Art hochzufrieden: „Es lief nicht alles völlig reibungslos, aber es war zu spüren, dass jeder der Zuschauer im Innersten offenbar berührt wurde und jeder der Akteure seine Rolle voll gelebt hat. Diese jungen Menschen, gerade mal um die 17 Jahre alt, sind nach dieser Premiere mit einer zufriedenen Entschlossenheit von der Bühne gekommen“. Die werden sie auch brauchen, denn nach den nächsten zwei Vorstellungen im Wohnzimmertheater im März und April werden sie noch an Schulen in der Region auftreten.

Infos im Internet

theater-und-nedelmann.de

VON CHRISTINE ZIESECKE

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