Die Kunst eint Europa

„Kultur ohne Grenzen“ zeigt beeindruckende Vielfalt

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Große Kunst: Organisations-Chefin Sylvia Baumer erläuterte im Park am Entenweiher Mark Huebners Monumentalwerk „The Last Supper“ - begleitet von Musik und Gesang aus der ungarischen Partnerstadt Bodajk.

Mehr als nur Hauch von Festival lag am Wochenende über Urberach, wo der zweite Teil von „Kultur ohne Grenzen – Frieden und Freiheit in Europa“ stattfand. Erstes Anzeichen: Menschengruppen zu Fuß auf den Straßen, tagsüber wie abends, immer im regen Gespräch.

Urberach – Sie liefen vom Entenweiher mit seinem Palastzelt zur Kelterscheune oder zur Halle Urberach, die alle ins Programm eingebunden waren. Oder sie wanderten zu ihren Quartieren. Zweites Merkmal: die Qual der Wahl zwischen verschiedenen Veranstaltungen an verschiedenen Orten, die oft schwerfiel: Freiluft-Kunst und Musik im Park oder doch Ausstellungen in der Halle Urberach? Kultur und Tanz in der Kelterscheune?.

Vor der Eröffnung mussten erst einmal Bänke und Tische getrocknet werden – Regenschauer hatten pünktlich vor der Begrüßung eingesetzt. Dann aber konnte Bürgermeister Roland Kern stolz alle angereisten Partner-Bürgermeister willkommen heißen, aus Saalfelden und Tramin, Hekimhan und Plesna, Bodajk und Bourgoin-Jallieu, die alle in ihren Sprachen grüßten und sich ins Goldene Buch der Stadt eintrugen. Sehr zum Erstaunen auch von Angela Dorn, der hessischen Ministerin für Wissenschaft und Kunst, die über dieses Ausmaß des Festivals ebenso verwundert war wie Landrat Oliver Quilling.

Und wer den weiteren Abend bei den Kunstinstallationen am See verbrachte, kam in einen ganz besonderen Genuss. Im Palastzelt präsentierten sich dank dem Alternativen Zentrums zwei Wiener Musikgruppen, die teilweise tosenden Beifall bekamen: die „Donauwellenreiter“ mit einem ganz eigenen Stil – mit Cello, Geige, Schlagzeug und Keyboard –, vor allem aber die siebenköpfige Bläsergruppe „Federspiel“, die in ungewöhnlicher Lebendigkeit eine Mischung von Alpenjodler über Reggae bis zu Gospels präsentierte. Es war ein beeindruckendes Erlebnis für jeden Zuhörer.

Rund 50 Künstlerinnen und Künstler waren zu ihren Freunden von KiR gekommen oder zumindest mit Objekten in der Ausstellung „Zukunft! Europa?“ vertreten, die von Karin Kück, Annelie Schnack und der KiR-Vorsitzenden Sylvia Baumer vorbereitet worden war. Das Ausrufezeichen im Titel steht für die Sicherheit, dass es eine Zukunft geben wird. Hinter Europa jedoch steht ein Fragezeichen in dieser Zeit besorgniserregender Tendenzen, erläuterte KiR-Mitglied Hans-Peter Schmücker.

Die Objekte spannten einen weiten Bogen von „Europa und der Stier“, gestaltet von der „Gräphin“, bis zur großflächigen Kunstaktion, die nach dem Workshop „Wir gehen über Leichen“ aufrüttelnde Kreidemalereien auf vielen Straßen hinterließ.

Kunst gab"s aber auch am Entenweiher. Dort stand die schon mehrfach erwähnte Groß-Installation „The Last Supper“ von Mark Huebner neben den typischen Gestalten des Rodgauer Kulturpreisträgers Gerd Steinle zum Thema Menschenrechte und der Skulptur „Ertrinken im Abfall“ der Rödermärkerin Durdica Jablonski.

Die Kelterscheune zog ebenfalls zahllose Menschen an. Das schaffte nicht nur der irische Abend der Rödermärker Literaten chrismegan, Verena Rot und Arno Mieth mit dem Comedian Henni Nachtsheim sowie dem beeindruckenden Harfenspieler Peter Wucherpfennig, sondern auch das Video-Spektakel „Deutsch in 20 Minuten“ des Urberachers Volker Heymann und seiner Freunde.

Noch beeindruckender war jedoch im Laufe des dem Tanzen gewidmeten Nachmittags die natürliche und fröhliche Herzlichkeit, mit der eine ungarische Gruppe, begleitet von der hinreißenden Folkband „3FaluBanda“, es schaffte, die Gäste in einem knapp halbstündigen Tanzworkshop (ohne Lufthol-Pause!) durch die Kelterscheune zu wirbeln. Etwas außer Puste, aber hellauf begeistert wussten danach Helga Harenberg (80) oder Erika Weil um den besonderen Reiz: „Wie die ganz jungen Burschen ohne Probleme uns zum Tanzen geholt und mit großer Fröhlichkeit und Herzlichkeit herumgewirbelt haben, ist schon großartig. Man merkt, dass das ein anderer Schlag Menschen ist – bei uns Deutschen würde das nicht so gehen. Hier läuft es über das Gefühl; bei uns würde es über den Verstand gehen.“

Von CHRISTINE ZIESECKE

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