Dem Kunsthaus droht der Abriss

Rödermark: Vergängliches Schmuckstück

Hingucker: Rödermarks Kreative haben das „Seitz-Haus“ an der Kulturhallen-Zufahrt zu einem Blickfang gemacht. Aber hinter einer hübschen Fassade gibt es nur einen kleinen Ausstellungsraum.
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Hingucker: Rödermarks Kreative haben das „Seitz-Haus“ an der Kulturhallen-Zufahrt zu einem Blickfang gemacht. Aber hinter einer hübschen Fassade gibt es nur einen kleinen Ausstellungsraum.

Die Künstlergruppe KiR hat mit dem „Seitz-Haus“ im Zentrum von Rödermark-Ober-Roden eine Heimat gefunden. Was 2010 mit einer lauten Neiddebatte angefangen hat, geht vielleicht ganz leise zu Ende. Wenn die Stadt den Platz zwischen Kulturhalle und Jugendzentrum umbaut, kann sie die Räume innerhalb von nur vier Wochen kündigen.

Rödermark – Kungelei, Vorzugsbehandlung, Geschmäckle: Die berühmte Woge der Empörung schwappte durch Ober-Roden, als die Künstlergruppe KiR 2010 ins „Seitz-Haus“ einzog. Die FDP prangerte einen angeblichen Deal zwischen Bürgermeister Roland Kern (AL/Grüne) und der KiR-Vorsitzenden Sylvia Baumer an, die damals grüne Stadtverordnete war. Aber die Woge der Empörung entpuppte sich schnell als Sturm im ebenso berühmten Wasserglas. Denn welcher andere angeblich benachteiligte Verein hätte soviel Zeit und Geld in ein dem Abbruch geweihtes Haus gesteckt und das Angebot der Stadt für eine vorübergehende Bleibe angenommen?

Wenige Monate vorher hatte eine AL-Delegation Ober-Rodens Partnerstadt Saalfelden besucht. Die österreichischen Künstler hatten in einem städtischen Gebäude Ausstellungsräume und Ateliers. „Da hatte mir Roland Kern in die Hand versprochen, dass auch KiR ein solches Haus bekommt“, blickt Sylvia Baumer zurück. Kern bot den Künstlern das „Seitz-Haus“ neben der Volksbank in Ober-Roden an. Im Juni 2010 wurde die Nutzungsvereinbarung unterschrieben, die KiR-Leute waren super glücklich.

Aber nicht lange. „Wir hätten den Vertrag aufmerksamer lesen sollen“, räumt Sylvia Baumer einen Flüchtigkeitsfehler mit Konsequenzen ein. Die Heizkörper sind undicht und vom Wasserkreislauf abgetrennt, stand klipp und klar in dem Papier. Das vermeintliche Vorzugsobjekt war also weder warm noch durchgehend trocken. Und die Kündigungsfrist beträgt nur vier Wochen.

Die Stadt hatte das zuletzt als Fahrschule genutzte Wohnhaus gekauft, um bei einer eventuellen Neugestaltung des Kulturhallenplatzes freie Hand zu haben und nicht mit privaten Grundstücksbesitzern verhandeln zu müssen.

Die Euphorie unter den Künstlern war groß. Die einen träumten schon von Workshops im Garten und Malkursen im ersten Stock, die anderen reparierten Wasser- und Abwasserleitungen. Im harten Winter 2010/2011 sind alle Rohre sofort wieder aufgefroren. Von allen tollen Ideen blieb nur die Ausstellung im Erdgeschoss. Aber auch da machte KiR Abstriche. „Wir zeigten nur noch robuste Sachen, die Kälte vertragen, also Skulpturen und Stelen“, erzählt Sylvia Baumer. Holz und Leinwand von Bildern hätten sich im Mikroklima des „Seitz-Hauses“ nämlich verzogen.

„Es ist traurig, dass viele so neidisch sind. Dabei können wir gar nicht viel mit unserem Haus machen“, bedauerte seinerzeit Barbara Jungheinrich-Höhler. Das sah mittlerweile auch die FDP so. Ihr Fraktionsvorsitzender Tobias Kruger sprach eine ganze Weile nur noch von „Schrottimmobilien“, wenn es um das „Seitz-Haus“ oder einige Nachbargebäude ging, die die Stadt gekauft hatte.

Nach so viel Getöse ist"s seit Jahren still geworden. Die KiR-Chefin gibt sich auch keinen Illusionen hin: „Wenn di Planung zur Umgestaltung des Kulturhallenplatzes greift, wird auch dieses Haus fallen.“ Dem städtebaulichen Ganzen wollen die Künstler keinesfalls im Weg stehen.

Wo sind die mehr als 40 Mitglieder der Gruppe künftig daheim? Für Sylvia Baumer ist derzeit nur eines gewiss: Den Plan, für den Kauf eines eigenen Kunsthauses zu sparen, haben Rödermarks Kreative aufgegeben.

Aber die bisherigen elf Jahre in den eigenen vier Wänden haben schon Begehrlichkeiten geweckt. Andererseits: Bei dem (Schnecken)-Tempo, mit dem das Multi-Millionen-Projekt Stadtumbau Ober-Roden vorankommt, bleibt den Künstlern noch jede Menge Zeit für die Ausstellung besagter robuster Objekte.

Ausstellung: „kirvirtuell“ heißt die Online-Werkschau von Künstlern aus Rödermark und Umgebung. Besucher können sich am Computer so unterschiedliche Objekte wie Manfred Mintens Rennboot aus einem Eichenbalken, die hölzerne „City 2009“ von Wolfgang Schulz oder Hans-Peter Schmückers Ölbilder ansehen. (Michael Löw)

Rödermark: Die KiR-Vorsitzende Sylvia Baumer würde gerne öfter Gäste nach drinnen bitten.
Rödermark: Überall auf dem Grundstück schlagen Pflanzen Wurzeln – sogar in den Fugen des Balkons.

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