Turnverein

Rödermark: Viele Bewährungsproben bestanden

Hand- und Fußballer waren lange Jahre tragende Säulen der Turnerschaft. Gemeinsam marschierten sie beim Festzug zum 65. Geburtstag voran.
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Hand- und Fußballer waren lange Jahre tragende Säulen der Turnerschaft. Gemeinsam marschierten sie beim Festzug zum 65. Geburtstag voran.

Solidarität – kaum ein Wort wird in den Wochen und Monaten der Corona-Pandemie so oft benutzt wie dieses. Die Turnerschaft Ober-Roden lebt seit 1895 Solidarität.

Rödermark - Das zeigt der Blick in die Chronik von Ober-Rodens ältestem Sportverein, dessen Jubiläumsfreude allerdings vom Virus getrübt wird.

Ober-Roden – Die Turnerschaft, die dieses Jahr ihren 125. Geburtstag feiert, gibt es im Grunde erst seit 1922. Damals schlossen sich die Turngesellschaft und der Turnverein zusammen – Ober-Rodens ältester Sportverein ist also das Ergebnis einer Fusion.

Beide Vorgänger gründeten sich mit wenigen Wochen Abstand im Jahr 1895. Am 28. Juli beschlossen 25 – wie seinerzeit üblich – junge Männer, „der edlen Turnsache zu dienen und sie zu fördern“. Turngesellschaft nannten sie den Verein, dessen erster Vorsitzender Matthäus Merget wurde. Im selben Jahr wählte der Turnverein Ober-Roden Wilhelm Wunderlich zu seinem Gründungsvorsitzenden.

Ober-Roden hatte Ende des 19. Jahrhunderts 1 963 Einwohner. „17 davon Protestanten“, weist die unter Federführung von Geschäftsführer Norbert Eyßen entstandene Chronik auf „exotische“ Religionsgemeinschaft hin.

Turnverein und Turngesellschaft pflegten von Anfang an ein freundschaftliches Verhältnis und begannen 1912 intensive Gespräche über einen Zusammenschluss. Der Erste Weltkrieg, der, der vielen Ober-Röder Turnern das Leben kostete, stoppte alle Bemühungen. Das Vereinsleben lag am Boden, nahm aber schon im Frühjahr 1919 langsam wieder an fahrt auf.

Beim ersten Gauturnfest 1921 in Dudenhofen traten beide Vereine noch getrennt an. Doch schon ein Jahr später, in Semd, marschierten die Turner unter dem Banner der Turnerschaft ein. Als deren Gründer gelten Johann Krickser, Johann Merget, August Hornung, Georg Wilzbach, Philipp Schrod, Andreas Keller, Gerhard Berker und Jean Hörner.

Selbst Inflation und Weltwirtschaftskrise konnten der Aufwärtsentwicklung wenig anhaben. Die Handballabteilung wurde gegründet. Der Verkauf der alten Sportplätze und großzügige Mitglieder ermöglichten den Kauf eines 16 000 Quadratmeter großen Grundstücks in der Friedrich-Ebert-Straße. 1927 weihte die TS Turnhalle und Turnplatz ein. Dazu zählten Laufbahn und Sprunggrube, denn die Leichtathleten hießen Volksturner.

Am 22. April 1933 standen die 327 Mitglieder jedoch vor den Trümmern von fast 50 Jahren Vereinsleben. Wenige Monate nach Hitlers Machtergreifung hatte die SA die Turnhalle besetzt und das Vermögen von 60 000 Reichsmark konfisziert. Die TS wurde verboten. Die Gemeinde verhökerte das Grundstück zum Spottpreis an eine nazitreue Siedlungsgesellschaft, die Häuser baute.

13 Jahre Vereinsverbot und Dutzende von Gefallenen oder Vermissten machten Neuanfang nach dem Zweiten Weltkrieg schwierig. Nur noch 180 Mitglieder standen dem Vorsitzenden Andreas Kern zur Seite. Die Handballer trugen ihre Spiele in der „Tonkaute“ aus, dem heutigen Germania-Sportplatz. Die Turner übten erst im Hof von Franz Merget, später in der Volksschule. Die ersten Nachkriegs-Fußballer kickten im „Schillerwäldchen“.

In den Jahren des Wirtschaftswunders blühte die Turnerschaft auf. 1952 legten Freiwillige den Sportplatz in der Dr. Walter-Kolb-Straße an. Am 4. September 1955 legte die TS den Grundstein für ihre Turnhalle, die die 1949 vom Frankfurter Flughafen herbei transportierte Wehrmachtsbaracke als Vereinsheim ablöste. Mit einer Länge von 43,5 und einer Breite von 15 Metern war sie die größte in Hessen.

Die Sechziger- und Siebzigerjahre wurden zur erneuten Belastungsprobe. Die einst so erfolgreichen Handballer stellten 1963 den Spielbetrieb ein, fast gleichzeitig löste sich der Spielmannszug auf. Chronist Eyßen: „Das waren zwei Ereignisse, die an den Grundfesten des Vereins rüttelten und nur ganz schwer zu verkraften waren.“

Ihren erneuten Aufschwung verdankte die Turnerschaft den Fußballern, die ab 1975 Meisterschaft um Meisterschaft einheimsten sowie durch neue Angebote in Wettkampf- und Breitensport. Tischtennis, Leichtathletik, Turnen, Gymnastik und Jazztanz waren belebende Elemente. Die Gründung einer Fastnachtsabteilung war das kulturelle I-Tüpfelchen.

Und auch wenn Corona die seit 125 Jahren gelebte Solidarität wieder einmal auf eine harte Probe stellt, blickt die Turnerschaft zuversichtlich in die Zukunft.

(Michael Löw)

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