Werner Braun liebt nach mehr als 50 Jahren das Klavier

Leidenschaft im zweiten Anlauf

Urberach - Als Kind hat Werner Braun das Klavier gehasst. Denn während er klimpern musste, durften seine Freunde kicken. Jetzt, mit fast 63, ist er dem Instrument verfallen. Wir erzählen die Geschichte einer spät wieder entdeckten Leidenschaft. Von Michael Löw 

Die meisten Urberacher kennen Werner Braun als langjährigen Präsidenten des FC Viktoria. In diesem Amt erlebte er viele Höhen und durchlitt etliche Tiefen. Doch Fußball war sein Leben, sagt er. Das war nicht immer so. Und auch jetzt gibt’s wieder ein Hobby, das ihn regelrecht gefangen nimmt. Doch der Reihe nach...

Werner Braun fing wie so viele Kinder mit acht Jahren an, Flöte zu spielen. „Der Bub hat Talent“, riet ein Musiklehrer seinen Eltern und empfahl den Wechsel zum Klavier. „Der wollte natürlich Privatstunden verkaufen, schmunzelt Braun Jahrzehnte später. Er nahm zwar Klavierunterricht - aber bei der Urberacher Musikerin Brigitte Dewald. Als Zehnjähriger gab Klein-Werner ein Konzert mir ihr.

„Und mit elf habe ich aufgehört!“ Mit den Noten unterm Arm marschierte er von der Wiesenstraße an seinen Fußball spielenden Altersgenossen vorbei zu den Dewald’schen Klavierstunden. Anders als heute war Anfang der sechziger Jahre Musik kein bisschen cool, da glich der Gang zum Unterricht eher einem Spießrutenlauf. Wenig verwunderlich, wenn Werner Braun bekennt: „Jahrelang habe ich kein Klavier mehr angefasst.“ Dabei hatte sein Vater Erich im Offenbacher Traditionsmusikhaus Guckel kurz vorher ein gebrauchtes Piano gekauft und ins Wohnzimmer gestellt.

Da fristete es ein Dasein als Dekoobjekt, bis Werner Braun 2015 zum 60. Geburtstag sein musikalisches Talent wieder entdeckte. Bei Volker Coutandin von der Musikschule Rödermark frischte er seine Kenntnisse wieder auf und staunte, dass selbst schwierige Fingerübungen wie das gegenläufige Spielen auf Anhieb wieder klappten.

Das alte Piano im Wohnzimmer kam auf Umwegen zu neuen Ehren. Der erste Klavierbauer, den Werner Braun ins Haus holte, machte einen Kostenvoranschlag zwischen 1000 und 1500 Euro und gab ihm den Rat: „Dafür bekommen Sie ein gutes Gebrauchtes.“

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In der OFFENBACH-POST fand Braun eine Anzeige des Klavierhauses Guckel. Wenig später begutachtete der Enkel des Mannes, der seinem Vater das Klavier verkauft hatte, das Instrument. Der Fachmann stellte fest, dass es von seiner Firma 1880 in Wien gebaut worden war - es hatte die laufende Fabrikationsnummer 1600. Doch bevor Werner Braun sich über das gute alte Stück freuen konnte, ließ Guckel junior die ernüchternde Feststellung „Seien wir ehrlich: Wenn’s ein Pferd wäre, müsste man es erschießen!“ folgen. Da Brauns Herz aber mittlerweile am Familienpiano hing, hat er gut 1200 Euro für den Wiederaufbau ausgegeben.

Bereut hat er keinen Cent davon. Längst hat er ein Repertoire von 100 Liedern in petto. Die Fußballerhymne „You’ll never walk alone“ ist eines der Lieblingsstücke des früheren Viktoria-Präsidenten. Der gibt auch unumwunden zu: „Ich bin dem Klavier total verfallen. Ich will eine Stunde ran, und wenn ich auf die Uhr gucke, sind drei oder vier Stunden um!“

Rubriklistenbild: © Symbolfoto: dpa

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