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Rödermark: „Zuhause wäre ich eine Verräterin“

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Von: Michael Löw

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Inna Podolinskaia muss schon sehr genau hinsehen, um ihre russische Heimatstadt Kaluga zu finden. Sie liegt an der Hauptverbindungsstraße zwischen Moskau und der ukrainischen Hauptstadt Kiew.
Rödermark: Inna Podolinskaia muss schon sehr genau hinsehen, um ihre russische Heimatstadt Kaluga zu finden. Sie liegt an der Hauptverbindungsstraße zwischen Moskau und der ukrainischen Hauptstadt Kiew. © Michael Löw

„Ich liebe Russland als Land. Mit Russland als Staat möchte ich aber nichts Gemeinsames haben.“ Putins Angriff auf die Ukraine hat Inna Podolinskaias Gefühlsleben zweigeteilt. So wie der 59-Jährigen aus Ober-Roden dürfte es vielen der 145 Russinnen und Russen gehen, die in Rödermark leben.

Rödermark - Inna Podolinskaia ist stolz auf Natur, Städte und Literatur ihres Heimatlandes und verabscheut zugleich dessen Krieg gegen Zivilisten im Nachbarland. 2001 kam sie nach Deutschland, am 7. Mai 2000 war Wladimir Putin erstmals Präsident der Russischen Föderation geworden. „Ich hatte schon im ersten Putin-Jahr Angst vor ihm“, sagt Inna Podolinskaia und weist auf seine Karriere im Geheimdienst KGB hin. Die hat der Westen ihrer Ansicht nach zwar wahr-, aber nicht ernstgenommen.

Inna Podolinskaia war in Kaluga daheim. Die Stadt liegt rund 200 Kilometer südwestlich von Moskau an einer Hauptstraße zwischen der russischen und der ukrainischen Hauptstadt, die von ihren Landsleuten bombardiert wird. Viele Jahre war sie Journalistin und schwärmt heute noch von der kurzen Phase echter Demokratie, die Michail Gorbatschow dem riesigen Land brachte: „Ich habe sein Porträt geküsst, als es in der Zeitung war!“ Damals konnte man endlich Politik ohne Angst machen. Inna Podolinskaia ging in den ersten demokratischen Stadtrat von Kaluga. Es war auch der letzte. Sie verließ die Stadt, in der immer noch ihre Mutter und mehrere Cousinen und Cousins leben.

„Ich weiß nicht, warum das russische Volk seinem Führer immer blind vertraut. Leider ist es ein Fakt. Die Mehrheit steht für Putin. Das heißt für den Krieg“, sucht die 59-Jährige nach einer Erklärung, wie ihre Landsleute ticken. Natürlich gebe es Millionen, die anderer Ansicht sind. Einige gehen auf die Straße trotz des Risikos, verhaftet zu werden. Was mit den ganz Mutigen wie der Journalistin Marina Owssjannikowa, die ein Anti-Kriegs-Plakat vor die Kameras der Hauptnachrichten des Staatsfernsehens hielt, geschieht, mag sich Inna Podolinskaia gar nicht vorstellen.

Die meisten Russen schweigen jedoch. Unter anderem, weil Putin sein Volk an den Zweiten Weltkrieg erinnert und patriotische Gefühle weckt. Für die Exil-Russin ist das Nationalismus. Ihrer Ansicht nach ist Russland in die Stalin-Zeit zurückgefallen. Angst vor Verhaftung, Unterdrückung und Straflager verhindern einen Massenaufstand. „Meine einzige Hoffnung ist leider die russische Oligarchie“, sagt Inna Podolinskaia. Die milliardenschweren Unternehmer können Putin wahrscheinlich nicht mehr beeinflussen. Aber vielleicht haben die mächtigen Reichen genug Kraft, den Präsidenten leise zu wechseln. Das habe jedoch auch für Deutschland und Europa seinen Preis: „Öl und Gas sind die einzigen Hebel.“ Bis zu einem Waffenstillstand oder gar einem Frieden ist es noch ein weiter Weg.

Würde die Journalistin diese Gedanken in Russland veröffentlichen, würde die Mehrheit sie als Verräterin beschimpfen oder ihr vielleicht sogar Stalins Wort Volksfeindin entgegenschleudern. Ihres Erachtens nach sind aber diejenigen Verräter, die ruhig zusehen, wie das Land in einen Abgrund fällt, und applaudieren diesem Fallen: „Mit heiligem Glauben, dass es ein Aufstieg ist.“

Inna Podolinskaia schämt sich nicht, Russin zu sein. Denn sie sagt: „Mein Gewissen ist rein. Kein einziges Mal habe ich meine Stimme für Putin abgegeben!“ (Michael Löw)

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