Von den Anfängen bis zur strömungsaffinen Gierseiltechnik

50 Jahre Mainfähre Seligenstadt: Fährtradition reicht bis ins Mittelalter zurück

Zweite Seligenstädter Fähre mit Seilführung. Das Bild stammt aus dem Jahr 1927.
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Zweite Seligenstädter Fähre mit Seilführung. Das Bild stammt aus dem Jahr 1927.

Vor 50 Jahren kaufte die Stadt Seligenstadt ihre Mainfähre für 250 000 Mark in der Schiffswerft Oberwinter. Die Fährtradition in der Einhardstadt reicht allerdings viel weiter zurück.

Seligenstadt – Ihr 50-jähriges Bestehen feierte die Seligenstädter Mainfähre Mitte Mai mit kostenfreien Überfahrten. Im Jahr 1971 hatte die Stadt das Fahrzeug für 250 000 Mark in der Schiffswerft Oberwinter erworben. Auch bei diesem Jubiläum verdarb Corona ein größeres Fest im Städtchen. Allerdings reicht die Seligenstädter Fährtradition weit, weit zurück, wie die OP-Redaktion in Gesprächen mit dem langjährigen Kommunalpolitiker Fritz Haas und dem früheren Bauhofleiter Albert Kemmerer erfuhr. Auch ein Vortrag, den der inzwischen verstorbene Erste Stadtrat a.D. Hubert Post zur Einweihung des Stadtwerke-Domizils im Jahr 2003 hielt, erhellt dieses interessante Kapitel Stadtgeschichte.

Seit Alters her bestanden Verbindungen auf die bayrische Seite des Mainufers bis weit in den Kahlgrund hinein. So lag es sicher nahe, die lange bestehende Furth zur Überquerung des Mains durch eine Fähre zu ersetzen. Das Kurfürstentum Mainz und die Seligenstädter Benediktinerabtei hatten im Spessart Eigentum, doch war die Flussüberquerung seit dem Mittelalter ein Problem. „Allerdings ist erst in einer Urkunde vom März 1299 erstmals von Übersetzrechten zu lesen, die außerdem die Besitzrechte der Überfahrt über den Main in der Hand der Benediktiner belegen. Als Gefährt diente damals wohl ein kleines Schiff“, so Hubert Post.

50-Jähriges der Mainfähre „Stadt Seligenstadt“ Mitte Mai: Fritz Haas (links) und Albert Kemmerer sind mit diesem Kapitel Fährgeschichte bestens vertraut.

„Bereits im 16. Jahrhundert hatte eine Reihe von Seligenstädter Familien Mainfähren. Das blieb so bis ins 18. Jahrhundert, dann übernahm die Stadt diesen Service, schaffte sich eine Fähre an und verpachtete sie“, schreibt Dr. Ludwig Seibert 1936 in seinem Buch „Die Seligenstädter Flurnamen“. Demnach teilten sich acht Fischer die Arbeiten. Mit der Säkularisation der Abtei 1803 ging das Übersetzrecht an den Landgrafen Ludwig I. Auch dieser gliederte in der Folgezeit das Recht, Mainfahrtsgerechtsame genannt, in acht Teile und verpachtete diese an die Angehörigen der Fischerzunft. Die Familien Acker, Beike und Burkard stellten die Schiffe. Sie waren Eigentümer, leisteten den Fährdienst und waren für alle Dienste verantwortlich: Transport aller Güter, Unterhaltung der Leinreiterei sowie Übersetzen von Personen und Waren. Sie besaßen zudem das Fischfangrecht. Damals war der Transport von Mensch, Vieh und Waren eine lukrative Angelegenheit. Am 1. Juli 1868 beschloss der Seligenstädter Gemeinderat die Übernahme der Rechte an der Mainschifffahrt für 4 607 Gulden und verpachtete den Dienst an die Fischer.

Die erste richtige Fähre baute die Schlosserei Ruppel vor dem Ersten Weltkrieg. Sie hing an einem starken Tau, das an einer starken Bille bei einer Scheune befestigt war. Da das Seil im Wasser lag, gab es oft Probleme mit der Mainkuh, die Lastschiffe an einer Kette bergauf zog.

In der Weimarer Zeit wurde ein zweites Schiff, die Gierseilfähre, eingesetzt. Sie blieb bis 1946 in Dienst, hing wie ihre Vorgänger an einem hoch über dem Fluss gespannten Seil und ließ sich durch eine Gierseilwinde steuern.

Eine dritte Fähre wurde 1957 von Niedernberg angekauft. Sie war freifahrend und mit einem Schottelantrieb ausgestattet. Auf diesem Fahrzeug gab es den einzigen tödlichen Unfall in der Geschichte des Fährdienstes. Beim Schmelzhochwasser am 7. Februar 1958 versagte mitten auf dem Main der Motor. Als Fährmann Theodor Michael Beike den Rettungsanker warf, rutschte er auf dem eisigen Boden aus und stürzte über Bord. Seine Leiche wurde erst Wochen später bei Dörnigheim geborgen. Diese Fähre wurde 1970 infolge höherer Sicherheitsbestimmungen ausgemustert.

Viele Jahre waren Hochseilfähren in Betrieb, also Fähren, die über Seile mit Rollen verbunden und an zwei hohen Masten auf beiden Seiten des Maines befestigt waren. Der Antrieb zum Überqueren des Flusses erfolgte über die Strömung des Wassers, indem man die Fähre schräg zur Flussrichtung stellte mit einer Einrichtung, die man „Gierseilwinde“ nennt: Das Seil, an dem die Fähre hing, wurde kurz vor der Fähre aufgeteilt auf zwei in der Länge verstellbare Einzelseile. Jedes der beiden Einzelseile war verbunden mit einer Seilwinde, mit der man die Seillängen verändern konnte. An der Fähre waren diese zwei Seile flussaufwärts befestigt an zwei außermittig angeordneten Befestigungspunkten.

So konnte man die Fähre nach dem Abstoßen vom Land mittels Stangen in die Strömung bringen, wo sie dann durch die Querstellung von Ufer zu Ufer gelangen konnte. Das konnte nur bei ausreichend Strömung funktionieren. Vorrang am Fluss hatte allerdings die Schifffahrt. Das bedeutete, dass die Fährleute oft Schwierigkeiten hatten, das andere Flussufer rechtzeitig vor einem nahenden Flussschiff zu erreichen. Des Öfteren kam es in den trockenen Jahren vor, dass der Main fast keine Strömung hatte, weil der Wasserstand im Interesse der Flussschifffahrt durch die Schleusen gehalten werden musste.

Nach mehreren Änderungen an der Fähre wie der Stromzuführung durch gesonderte Masten beschloss die Stadt im Jahre 1970, ein neues Fährfahrzeug anzuschaffen. Maßgebend war auch, dass die alte Fähre zu klein geworden war für die zunehmend größeren Fahrzeuge und auch die Tragfähigkeit nicht mehr ausreichte.  (mho)

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