Anstrich erst während der Heimfahrt

50 Jahre Mainfähre „Stadt Seligenstadt“: 1971 aus der insolvenzbedrohten Werft geschleppt

Fritz Haas vor der Mainfähre „Stadt Seligenstadt“.
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Fritz Haas vor der Mainfähre „Stadt Seligenstadt“: „Damals in der Werft die Schweißnähte überprüft und Nachbesserungen verlangt.“

Ihr 50-jähriges Bestehen feierte die Seligenstädter Mainfähre am Wochenende. Damals, im Jahr 1971, erwarb die Stadt das Fahrzeug für 250 000 Mark in der Schiffswerft Oberwinter. Fritz Haas (89), damals Kommunalpolitiker, war dabei und erinnert sich genau.

Seligenstadt – Bekanntlich hat das Fährwesen in Seligenstadt eine lange Tradition. Bereits im neunten Jahrhundert existierte eine ständige Verbindung über den Main. Zum damaligen Zeitpunkt veranlasst durch das Seligenstädter Kloster. Bis in die 60er Jahre querten Hochseilfähren den Main, also Fähren, die über ein Seil- und Rollensystem liefen. Der Antrieb erfolgte über die Strömung des Wassers, indem man die Fähre schräg zur Flussrichtung stellte mit einer Einrichtung, die man „Gierseilwinde“ nennt.

Nach mehreren Änderungen wie beispielsweise Stromzuführung zur Fähre durch gesonderte Masten beschloss die Stadt Seligenstadt im Jahre 1970, eine neue Fähre anzuschaffen. „Maßgebend dafür war auch, dass die bestehende Fähre zu klein geworden war für die zunehmend größeren Fahrzeuge und auch die Tragfähigkeit nicht mehr ausreichte“, erinnert sich Fritz Haas.

Die Stadtverwaltung unter der Leitung des damaligen Bürgermeisters Willi Brehm hatte eine Schiffswerft in Oberwinter am Rhein, heute Stadtteil von Remagen, ausfindig gemacht, die damals moderne freifahrende Fähren baute. „Eine solche Fähre hatte die Werft an eine Gemeinde an der Mosel geliefert.“

Zur Besichtigung dieser Fähre fuhr im Herbst 1970 Bürgermeister Brehm mit etwa 15 Stadtverordneten aus allen Fraktionen im Bus an die Mosel nach Wintrich, um die Fähre im Beisein eines Vertreters der Werft zu besichtigen und Informationen über die Betriebserfahrungen zu erhalten. Die dortige Fähre hatte zwei Schottelantriebe mit jeweils einem Vierzylinder-Dieselmotor, wie sie damals von der Firma Mercedes in Pkw eingebaut wurden und sich bewährt hatten.

Schottelantriebe erlauben es, die Antriebspropeller um 360 Grad zu drehen und damit ein Schiff in beliebige Richtung zu steuern, was für eine Fähre sehr wichtig ist.

Vor Ort, so Haas weiter, habe man im Kreis der Seligenstädter festgestellt, „dass die Bauweise für unsere Zwecke durchaus geeignet sei, aber die Länge um vier Meter und die Breite um zwei Meter erhöht werden muss, um unsere Anforderungen zu erfüllen.“ So sei dann der Auftrag erteilt worden.

Anfang Mai 1971 teilte die Werft der Stadt Seligenstadt mit, dass die Herstellungsarbeiten abgeschlossen seien und die Übergabe der Fähre erfolgen könne. „Daraufhin fuhren Bürgermeister Brehm, der für die Fähre zuständige Angestellte Hans Bodensohn, der im Bauhof beschäftigte Kraftfahrzeugschlosser Paul Rühl und ich als Vorsitzender des Bauausschusses und TÜV-Experte für Anlagensicherheit umgehend in die Werft zur Übergabe der Fähre. Zur Überraschung der Werftmitarbeiter besichtigte ich im Inneren der Fähre die Schweißnähte, wie ich das von meinem Beruf gewohnt war, und verlangte Nachbesserungen. Zu dieser Zeit war der Fährkörper noch nicht mit einem Anstrich versehen.“

Kurze Zeit später erfuhr Bürgermeister Willi Brehm, dass der Werft die Insolvenz drohte. „Er setzte alle Hebel in Bewegung, um die Fähre von dort wegzuholen, damit sie nicht in die Insolvenzmasse falle. Dies gelang dadurch, dass aus Bingen ein Schlepper in Marsch gesetzt wurde, der das Fährschiff nach Seligenstadt brachte. Unterwegs folgten Anstricharbeiten, die noch nicht abgeschlossen waren.“ Auf diese Weise sei es der Stadt gelungen, einen Verlust von 250 000 Mark zu vermeiden, „und wir können uns auch heute noch freuen über unser gutes altes Stück, das auch für viele Fremde eine Attraktion ist.“ (mho)

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