86-jährige setzt ihre Talente seit Jahren für Seligenstadt ein

Elisabeth Hennig: „Ich bin der Rotstift der Stadt“

Seligenstadt - Elisabeth Hennig hat vor Jahrzehnten über verschlungene Wege nach Seligenstadt gefunden. Für ihre Wahlheimat engagiert sich die mittlerweile 86-Jährige nicht nur als Lektorin. Von Sabine Müller 

Elisabeth Hennig

Elisabeth Hennig ist schon lange und vielfältig ehrenamtlich tätig und auch mit 86 Jahren noch so rege, dass aktuelle Publikationen der Stadt Seligenstadt ihre Handschrift tragen. Erst jüngst lektorierte sie das von der Stadtmarketing GmbH herausgegebene kulinarische Lesebuch „Man rühre es drei Ave Maria lang“. Ihre Biografie hatte bereits bunte Facetten, bevor sie vor rund 50 Jahren in die Einhardstadt kam. „Geh in den Westen, hier wirst du nichts“, rieten einst die Eltern der 19-Jährigen. Ihre Geburtsstadt Chemnitz war 1945 ausgebombt worden, sie war mit der Mutter nach Meißen gezogen und musste nach dem Abitur Geld verdienen.

Sie arbeitete beim Ernährungsamt, dann bei einer Bauernorganisation. Doch die junge Frau wusste: Ohne Mitgliedschaft in der Staatspartei SED würde sie in der DDR immer an Grenzen stoßen. Regelrecht befreiend wirkte da das Stellenangebot auf der Fraueninsel im bayerischen Chiemsee: „Ich wurde Schulsekretärin in der Klosterschule der Benediktinerinnen – eine völlig andere Welt.“ Vier Jahre lang lebte die Sächsin in dieser „katholischen Urfrömmigkeit“.

Das Kontrastprogramm hieß dann England: zwei Jahre lang Auslandserfahrung sammeln und die Sprachkenntnisse verbessern. Noch heute bezieht sie eine kleine Rente von ihrer Tätigkeit als Kinderfrau bei einer begüterten Familie in Guildford. Bei der AEG in Frankfurt fand sie 1953 eine qualifizierte Stelle als englischsprachige Stenotypistin – und ihren Ehemann, der als Techniker bei der Tochterfirma Olympia arbeitete.

„Ich bin sehr an meiner Muttersprache und an Englisch interessiert“, erklärt Elisabeth Hennig, die beides auch stenographieren kann. Sie habe immer mit Texten gearbeitet, früher auch leidenschaftlich Briefe geschrieben. Heute noch liest sie täglich Zeitungen, im Wohnzimmer stapeln sich englischsprachige Wälzer. Auch nachdem die drei Kinder geboren waren, die Familie 1964 endlich in einem der ersten Wohnblocks der Berliner Straße in Seligenstadt eine Wohnung gefunden hatte, arbeitete sie abends noch von zuhause aus als Übersetzerin.

Nach einem persönlichen Schicksalsschlag wurde Elisabeth Hennig auch politisch aktiv. Ihr zweiter Sohn war sieben Jahre alt, als er auf dem Schulweg durch ein Auto tödlich verunglückte. Die Eltern wandten sich an Stadtverwaltung und Parlament und forderten einen Verkehrsüberweg an der Steinheimer Straße. „Doch nur Manfred Herrnkind, der damalige Vorsitzende der SPD-Fraktion, reagierte und nahm sich des Themas an.“ Daraufhin traten die Hennigs in die SPD ein, weil sie „mitbestimmen wollten, was in der Stadt bewegt wird“. Mehrere Jahrzehnte wirkte Elisabeth Hennig als SPD-Stadtverordnete, erhielt 1992 den Ehrentitel „Stadtälteste“, 2001 das Bundesverdienstkreuz. Sie ist Mitglieder der IG Niederfeld, war im Pfarrgemeinderat von St. Marien aktiv und engagiert sich als Ortsgerichtschöffin.

Bilder: Kerb in Seligenstadt

Einen weiteren Titel hat sie sich spaßeshalber selbst verliehen: „Ich bin der Rotstift der Stadt Seligenstadt.“ Da Orthografie ihr Steckenpferd ist, entdeckte sie bald Rechtschreibfehler in den Faltblättern der Stadtverwaltung. Seitdem lektoriert sie nicht nur deren Prospekte, sondern auch größere Publikationen wie etwa die kulinarischen Lesebücher „Seligenstadt tischt auf“ sowie „Man rühre es drei Ave Maria lang“, den jetzt von der Einhard-Gesellschaft herausgegebenen Titel „Einhard – Translation und Wunder der Heiligen Marcellinus und Petrus“ sowie die Stadtteilzeitung „Niederfeld-Rundblick“.

Sie sei „höchst dankbar“, dass sie dazu noch in der Lage sei, sagt die betagte Dame, die es als Bürgerpflicht ansieht, „seine Talente auch für seine Stadt einzusetzen“.

Rubriklistenbild: © Hampe

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