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Gericht spricht Seligenstädterin von tödlicher Corona-Ansteckung frei

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Eine 72-Jährige aus Seligenstadt infiziert einen Mann fahrlässig mit Covid-19, der verstirbt - so sieht es die Anklage. Vor Gericht überwiegen die Zweifel.

Froschhausen/Darmstadt – Freispruch rechtskräftig: In einer Berufungsverhandlung vor dem Landgericht Darmstadt konnte einer 72-jährigen Froschhausenerin nun zum zweiten Mal keine Tatbegehen nachgewiesen werden. Die Anklage des ungewöhnlichen Falls lautete auf versuchte gefährliche Körperverletzung – die Rentnerin soll während einer Covid-19-Quarantäne-Anordnung einen 69-jährigen Bekannten aufgesucht und infiziert haben. Die Staatsanwaltschaft hatte gegen das Urteil der Strafrichterin in Seligenstadt vom 9. Juni 2022 Berufung eingelegt.

Prozess gegen Seligenstädterin: Positiver PCR-Test am Tattag

Der chronisch Kranke I. wurde am Tag nach dem vermeintlichen Besuch mit Fieber in die Uni-Klinik Frankfurt eingeliefert und starb dort drei Monate später. Die 41-jährige Tochter brachte den Fall zur Anzeige, nachdem ihr der Vater drei Tage später aus der Klinik telefonisch zurief: „Sag der Polizei Bescheid, die K. hat Corona und läuft draußen rum!“ Zwei Tage vor dem Besuch habe I. sie noch zum Konsulat gefahren, weil Katarina M. einen neuen Pass brauchte.

Dass sie nicht ganz gesund war, wusste die Angeklagte schon. Denn weitere vier Tage vor dem Konsulat war sie wegen eines Pflegeheimbesuchs in Mainhausen mit milden Symptomen positiv getestet worden. Einen Tag später ließ sie sich deswegen von der Schwiegertochter zum PCR-Test fahren – das Ergebnis erfuhr sie am Tattag.

Dreh- und Angelpunkt ist aber ausschließlich dieser 25. März 2020: An dem Tag bekommt M. einen Anruf vom Gesundheitsamt des Kreises Offenbach, dass der PCR-Test positiv sei und sie deswegen in häuslicher Quarantäne verbleiben solle.

Nachbarin der Seligenstädter Angeklagten: „Sie war noch nicht mal an der Mülltonne“

Verteidiger Christian Freydank sagt: „Meine Mandantin ist am 25. März den ganzen Tag zu Hause geblieben, weil sie ja den Anruf vom Amt erhalten hatte. Dies belegt auch ein WhatsApp-Chat am Abend mit ihrem Sohn, wo sie außerdem ein Selfie von sich in der Wohnung gepostet hat.“

Der 32-Jährige bestätigt vor der Siebten Strafkammer die Aussage der Mutter, daheim geblieben zu sein. Auch K.s Nachbarin, die unter ihr wohnt, ist überzeugt von deren Unschuld. Sie erklärt, akustisch und wegen einer Glasscheibe in der Eingangstür jederzeit mit zu bekommen, wenn jemand die Treppe herunter läuft. „Sie hat sich sehr genau an die Quarantänevorgaben gehalten. Sie war noch nicht mal an der Mülltonne! Die Abfallbeutel hat sie vor die Tür gestellt, ich habe sie entsorgt“, behauptet die 55-jährige Frührentnerin, die von den Tests wusste. „Sie sagte, sowieso zu Hause bleiben zu wollen, egal wie der Test ausfiele.“

Ein 63-jähriger Bekannter des Toten I. aus Bessenbach behauptet dagegen steif und fest, er sei am 25. März den ganzen Nachmittag bei I. gewesen und habe K. dort ein bis zwei Stunden angetroffen: „Ich hab noch mit ihm geschimpft, das er die M. zum Konsulat nach Frankfurt gefahren hat. Wo er doch selbst kaum laufen konnte.“ Zu dritt hätten sie damals mit Abstand im Wohnzimmer gesessen.

Prozess gegen Seligenstädterin: Am Ende stehen Aussage gegen Aussage

Auch die ältere Tochter des Verstorbenen ist wütend auf die Angeklagte, die sie nur vom Sehen her kennt. „Vater erzählte, dass er M. sogar darauf angesprochen habe, dass die ja erkältet sei und wohl Corona habe. Da habe sie nur erwidert, sie hätte sich auf dem Balkon was weggeholt“, erklärt die 45-Jährige. „Und dann trifft sie sich auch noch mit ihm – wohl wissend, dass mein Vater vor 13 Jahren eine Herztransplantation hatte!“

Am Ende der gut dreistündigen Verhandlung steht die Aussage der Nachbarin und der Angeklagten gegen die des Bessenbachers und der Töchter. Ein Vorsatz, beziehungsweise das billigende in Kauf nehmen der Ansteckungsgefahr, können der 72-Jährigen nicht nachgewiesen werden. (Silke Gelhausen)

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