Kunst und Kultur in Pandemiezeiten: Es gilt das Prinzip Hoffnung

Analoges Erleben nicht zu ersetzen

Drang- und genussvolle Enge im Schalanderkeller: Kunstforum-Konzert mit der Cliff-Stevens-Band - das war im Februar.
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Drang- und genussvolle Enge im Schalanderkeller: Kunstforum-Konzert mit der Cliff-Stevens-Band - das war im Februar.

Seligenstadt – Was war, ist nicht mehr, und was jetzt ist, gab es noch nie: Corona kam, verbreitete sich und sorgt für Stillstand. Binnen kürzester Zeit veränderte das Virus den Alltag weltweit und stellte bisherige Normen in Frage. Schwer getroffen ist auch das kulturelle Leben, das vielerorts um Atem ringt.

Statt dicht gedrängter Zuschauermengen, die miteinander genießen und zelebrieren ist auch Seligenstadt leerer und ruhiger geworden. Kunst und Kultur, gleich welcher Art, wurden durch Verbote und strenge Auflagen drastisch reduziert. Wie lange diese Ausnahmesituation die Oberhand behalten wird, ist unklar. Fakt ist jedoch, dass schon im ersten Lockdown neue Konzepte ausgearbeitet werden mussten, um Kultur wenigstens in einem kleinen Rahmen erlebbar machen zu können. Schwer getroffen wurde schon damals der Kulturring, der das Beethovenjahr und das 50-jährige Bestehen der Klosterkonzerte ausgiebig feiern wollte. Diese Vorhaben durchkreuzte die Pandemie rücksichtslos bis einschließlich August. Darauf folgende Lockerungen der Landesregierung eröffneten Kulturvereinen ein kleines Zeitfenster, in dem Kultur in angepasster Form stattfinden konnte. Kulturring-Vorsitzender Franz Preuschoff konkretisiert: „Mit geändertem Programm und kleinerer Besetzung sowie unter der Übernahme der für die Gottesdienste entwickelten Hygienekonzepte, was aber wegen der damit verbundenen Begrenzung zu verminderten Eintrittserlösen führte.“ Er zählt zwei Konzerte in der Basilika und eins in St. Marien auf.

Doch nicht nur der Kulturring musste Hygienekonzepte, bei denen es insbesondere um das Einhalten vom Mindestabstand und das Tragen von Mund-Nasen-Schutz geht, entwickeln. Auch das Kunstforum entwarf Ideen, um den Seligenstädtern öffentliche Veranstaltungen zu ermöglichen. Ausstellungen, die in der Galerie des Kunstforums stattfanden, waren auf zehn Personen begrenzt. Im Gebäude herrschte strenge Mundschutzpflicht. Die namentliche Erfassung aller Besucher war ebenfalls notwendig, um mögliche Infektionsketten zurückverfolgen zu können. „Lesungen fanden auf dem Schulhof der ehemaligen Hans-Memling-Schule statt, der sehr weitläufig ist und mit weit auseinanderstehenden Stühlen bestückt wurde“, so Freya Göttlich, Pressesprecherin des Kunstforums. All die getroffenen Maßnahmen wurden von den Besuchern bereitwillig angenommen.

Durch die Vereinsstruktur des Kulturrings und des Kunstforums hielten sich die finanziellen Verluste in Grenzen. Beide mussten bislang keine roten Zahlen schreiben. Das Kunstforum geht sogar so weit, dass es mit dem Kartenverkauf ausgefallener Konzerte engagierten Künstler ein wenig unter die Arme greift. Käufer können frei entscheiden, ob sie sich die Karten zurückerstatten lassen oder den Kaufpreis zur Unterstützung bereitstellen.

Der Kulturring verfolgt bei der Unterstützung der Künstler eine andere Strategie: „Wir haben mit den Künstlern vereinbart, die ausgefallenen Konzerte wenn möglich nachzuholen. Sie haben Priorität vor Neuverpflichtungen.“ Aufgrund der unvorhersehbaren Lage geht der Kulturring davon aus, dass Abstandsregeln und beschränkte Besucherzahlen auch im kommenden Jahr eingehalten werden müssen. Deshalb werde man auf Rücklagen aus Fördermitteln zurückgreifen müssen, um die damit einhergehenden Einnahmeverluste zu decken.

Mit Beginn der Pandemie verändert sich jedoch nicht nur die Veranstaltungsmodalitäten. Auch das Verständnis von Kunst und Kultur befindet sich im Wandel. Davon ist beispielsweise Freya Göttlich überzeugt: „Ich habe den Eindruck, dass künstlerische Arbeit, ganz gleich auf welchem Gebiet, wieder mehr geschätzt wird.“ Die Menschen beginnen ihrer Ansicht nach besser zu verstehen, welche Bereicherung Kunst und Kultur für das eigene Leben bedeutet. „Eine Welt ohne Bilder, Musik, Tanz und Theater - wie schrecklich!“

„Ob sich am Verständnis von Kultur etwas verändert hat, wird man abwarten müssen, ich bin da skeptisch“, sagt dagegen Franz Preuschoff. Immerhin habe die Corona-Pandemie bewirkt, dass der Stellenwert von Kultur auf die Tagesordnung der öffentlichen Diskussion gekommen sei. „Viele der Kultur verbundene Persönlichkeiten haben sich nachdrücklich dagegen verwahrt, dass Theater, Oper, Museen, Konzerte in den Vorschriften zur Pandemiebekämpfung als Freizeiteinrichtungen eingestuft worden waren. Das seien sie mitnichten. Die beanstandete Klassifizierung war aber kein Versehen, sondern entspricht einer verbreiteten Anschauung. Auf den Websites mancher Städte – nicht aller – wird Kultur mit Freizeit zusammengespannt, so auch in Seligenstadt.“

Was nun die Zukunft angeht, so gilt das Prinzip Hoffnung. Für 2021 gibt es zwar vage Ideen, ob diese aber wie geplant umgesetzt werden können, ist natürlich fraglich. „Die gegenwärtigen Nachfragen aus dem Publikum und der Besuch der drei Konzerte während der zeitweiligen Lockerung belegen, dass es keinen gleichwertigen Ersatz für unmittelbares, analoges Kulturerleben gibt. Diese Erkenntnis hat Corona bekräftigt“, betont Franz Preuschoff.

Von Natalia Dizer

Preuschoff: Kunst ist keine Freizeiteinrichtung.
Göttlich: Bereicherung des Lebens.

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