Seligenstädter veröffentlicht ersten Roman

Angst vor Kontrollverlust

+
Romanautor Guse: „Woher kommt die Sehnsucht, sich von Gesellschaft zu verabschieden?“

Seligenstadt - Im Oktober wird er 26, Ende Juli erschien sein erster Roman im S. Fischer-Verlag. Von Sabine Müller 

Darin entwirft der gebürtige Seligenstädter Juan Sebastian Guse unter dem Titel „Lärm und Wälder“ das Schreckensszenario einer Gesellschaft in Alarmbereitschaft und die Vermarktung ihrer Angst vor Kontrollverlust. Als unsere Zeitung vor zwei Jahren den jungen Literaten in einem Bericht vorstellte, hatte er gerade einen ersten Preis für seine Lyrik beim 30. Schreibwettbewerb „Junges Literaturforum Hessen-Thüringen“ gewonnen. Damals saß er auch an einer Arbeit über Eremiten: Keimzelle für ein Buch, das der S. Fischer-Verlag ins Programm nahm und kürzlich veröffentlichte. In seinem Debütroman erzählt Juan S. Guse von einer Familie, die nördlich von Buenos Aires in einer Gated Community – einer Siedlung mit ausgewählten Bewohnern – lebt. Es herrscht Weltuntergangsstimmung: Gewaltsame Unruhen bedrohen auch das von Wachleuten streng kontrollierte und mit patroullierenden Reiterstaffeln gesicherte „Nordelta“. Die vier Protagonisten reagieren jeweils individuell auf die vermeintliche Apokalypse, so beschließt etwa das Familienoberhaupt Hector, einen Bunker zu bauen.

„Woher kommt die Sehnsucht, sich von Gesellschaft zu verabschieden?“ Diesen Aspekt, dem Juan S. Guse schon bei seinen Studien zum Eremitentum nachging, weitet er in seiner Prosa aus: „Nach Knut Hamsun gibt es ein Kernversprechen abseits der Menschheit, und das ist Kontrolle.“ Diese Kontrolle über Dinge und Menschen - genau genommen die Angst vor ihrem Verlust - sei Motiv seiner Erzählung gewesen sowie die Frage, „in welche Sehnsuchtsnarrative dies mündet“.

Eigene Zukunftsängste seien ihm fremd, sagt Guse. Er beobachte jedoch neugierig die post-apokalyptischen Entwicklungen: „Warum können die Leute nicht genug kriegen von den Filmen Roland Emmerichs? Was steckt hinter dem Wunsch nach der Katastrophe?“ Dass die fiktive Zukunft längst Gegenwart sei, zeige sich an sogenannten „Preppern“ wie seine Romanfigur Hector: Personen, die versuchen sich mit hysterischem Aktionismus auf das Weltende vorzubereiten. Oder bereits existierenden Gated Communities, die Existenzängste erfolgreich vermarkteten. In Südamerika hat der gebürtige Seligenstädter deutsch-argentinischer Abstammung selbst schon einen Wohnkomplex dieser Art besucht – „die Schere zwischen Arm und Reich geht dort weiter auseinander“, er weiß aber auch von Siedlungen in Potsdam und Aachen. Den Bezug zu aktuellen Flüchtlingsbewegungen und daraus resultierenden fremdenfeindlichen Ausschreitungen vor unserer Haustür weist er nicht von der Hand. So gesehen lebten wir alle in mikro- und makrokosmischen Gated Communities, „ist ganz Europa eine riesige Gated Community“. Keinesfalls aber will der Autor sein Werk als plumpe literarische Systemkritik verstanden wissen. „Ich habe keine einfachen Antworten, und ebenso keine Vorschläge; im Roman gibt es verschiedene Lebensentwürfe, keiner ist überlegen.“ Generell seien jedoch Abschottung und fehlende Dialoge gefährlich.

Die deutschen Literatur-Nobelpreisträger

Der „Mischung aus Glück und Naivität“ ist es laut dem Studenten der Literatur- und Sozialwissenschaften an der Leibniz-Universität in Hannover zu verdanken, dass Lektoren des Fischer-Verlags auf ihn aufmerksam wurden und unter Vertrag nahmen. Zwar meint er, es sei „bis heute bemerkenswert, dass sich jemand für das interessiert, was ich mache“, doch ein unbeschriebenes Blatt ist der 25-Jährige schon lange nicht mehr. Noch ein Semester fehlen ihm zum Masterabschluss in Literatur, er erhielt unter anderem das Aufenthaltsstipendium der Walter-Kempowski-Stiftung und das Arbeitsstipendium des Landes Niedersachsen, war Teil der künstlerischen Leitung des Literaturfestivals Prosanova 2014, schrieb zeitweise für das Feuilleton der FAZ und gehört zu den Gewinnern des 20. open mike, dem wichtigsten Literatur-Nachwuchswettbewerb im deutschsprachigen Raum. Damit war ihm der erste Schritt auf den Buchmarkt geebnet.

Ab September geht Guse auf Lesereise und macht auch in seiner Heimat Station: Am 23. Oktober, um 19 Uhr wird er seinen Debüt-Roman in der Buchhandlung geschichten*reich vorstellen. Nadine Nitsche, die den Laden seit kurzem leitet, ist ihm bekannt: „Wir waren beide auf der Einhardschule.“

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare