Bewohner an Hospitalstraße halten wenig von SPD-Plänen

„Seligenstadt 2030“: Angst vor der Abrissbirne

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Aufgrund ihres Zustands nicht das schönste Entree zur historischen Altstadt: Die städtische Wohnanlage an der Hospitalstraße ist in die Jahre gekommen.

Seligenstadt - Mit ihren Visionen für Seligenstadt 2030 ist die SPD nicht überall auf Gegenliebe gestoßen. Der Vorschlag, die städtischen Altenwohnungen an der Hospitalstraße abzureißen, hat bei den Bewohnern für Unruhe und Verärgerung gesorgt. Von Katrin Stassig 

Renate Gellerer ist 2013 in die Wohnanlage an der Hospitalstraße eingezogen, Anna Schupmehl erst vor Kurzem. Doris Stoltz wohnt seit sieben Jahren dort, Christel Groß bereits seit 20 Jahren. Sie alle fühlen sich dort wohl, auch wenn an den Gebäuden einiges im Argen liegt. Dass die SPD die Häuser am liebsten abreißen lassen und durch Eigentums- und Mietwohnungen ersetzen möchte, verursacht ihnen schlaflose Nächte. Auch wenn sie wissen, dass es sich vorerst um „Visionen“ handelt: „Es ist ja vielleicht doch was Wahres dran“, befürchten sie und sehen schon die Abrissbirne vor ihren Fenstern schweben. Die vier Frauen haben sich an Renate Gellerers Esstisch zum Tee versammelt, um ihren Sorgen Ausdruck zu verleihen. „In unserem Alter ist es nicht schön, dass man so beunruhigt sein muss“, sagen sie. Die Älteste in der Runde ist 76 Jahre alt.

Sie wollte eigentlich ihre Küche neu streichen, aber jetzt fragt sie sich, ob sich das überhaupt noch lohnt, erzählt Renate Gellerer. Anna Schupmehl hat nach dem Einzug ihren Balkon auf eigene Faust gestrichen, auch in neue Fußböden und Tapeten haben die Frauen investiert. Sie wissen von anderen, die sogar das Bad auf eigene Kosten saniert haben. Denn die Wohnanlage, vor etwa 40 Jahren erbaut, ist alles andere als seniorengerecht. Es gibt keine Aufzüge, keine barrierefreien Duschen, die Wohnungen sind mit Badewannen ausgestattet. Auch von außen haben die Gebäude schon bessere Zeiten gesehen. Die dicken Holzbalken an den Fassaden klaffen durch die Witterungseinflüsse auseinander. Die Briefkästen sind auf unterschiedlichen Seiten des Hauses angebracht, was immer wieder für Verwirrung sorgt.

„Alte Wohnungen“ der Stadt Seligenstadt? Der Eingang zu den Hausnummern 12, 14 und 16 an der Hospitalstraße.

2013 hatte die Stadt Seligenstadt im Haushalt 1,3 Millionen Euro für die Sanierung der Seniorenwohnungen an der Hospitalstraße in Aussicht gestellt. Die Baugenossenschaft Steinheim, die das Objekt betreut, hatte damals von einer dringenden Maßnahme gesprochen. Vorgesehen waren 340.000 Euro für die Dachsanierung, 410.000 Euro für neue Fenster und Türen, 390.000 Euro für die Wärmedämmung und 160.000 Euro für Terrassen, Laubengänge und Tiefgarage. Das Vorhaben wurde zwei Jahre später im Zuge des Haushaltssicherungskonzepts wieder gestrichen.

Die Frauen fragen sich, was aus dem Geld und aus den Plänen geworden ist und ob überhaupt noch einmal in die Gebäude investiert wird. Renate Gellerer hat sich vorsorglich für das Wohnprojekt der Caritas in Mainflingen angemeldet, aber eigentlich möchte sie nicht weg. Den anderen Frauen geht es genauso. Sie gehen hier Kaffee trinken, einkaufen oder kegeln, unternehmen Spaziergänge am Main. Die zentrale Lage ist für sie optimal, sie möchten nicht an der Peripherie oder gar in einem anderen Ort wohnen.

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Genauso wie die Touristen schätzen sie die gemütliche Altstadt. Renate Gellerer kann deshalb auch den SPD-Plänen für ein „riesiges Kulturzentrum“ nichts abgewinnen. Sie ist selbst 46 Jahre Mitglied, ist zu Willy Brandts Zeiten eingetreten, fühlt sich aktuell aber von der Partei nicht gut vertreten. Sie hat den Eindruck, dass das Soziale immer mehr abhandenkommt. Die Mitgliederversammlung hat sie verlassen, weil sie mit den „Perspektiven für Seligenstadt 2030“ nicht einverstanden ist. Erzürnt ist sie auch über den Vorschlag, die Bewohner der Hospitalstraße zum Beispiel an die Wallstraße umzusiedeln: „Sollen wir warten, bis die Leute dort sterben?“

Bürgermeister Dr. Daniell Bastian (FDP) kann die Verunsicherung der Bewohner verstehen und sie ein Stück weit beruhigen. So könne die Wohnanlage aufgrund ihrer Sozialbindung auf absehbare Zeit weder abgerissen noch verkauft werden. Zudem kündigte der Rathauschef erst kürzlich in seiner Rede zum Haushaltsentwurf 2018 an, die Stadt wolle aus den „Erträgen aus Vermietung und Verpachtung“ künftig einen höheren Anteil bei der Baugenossenschaft Steinheim belassen. „Ziel ist es, der Baugenossenschaft über eine Art Instandhaltungsrücklage zu ermöglichen, aus den erwirtschafteten Mitteln, über die allernötigste Instandhaltung hinaus, die Gebäude in ihrer Substanz zu sichern und fortzuentwickeln.“ In einem persönlichen Gespräch mit den Verantwortlichen der Baugenossenschaft Steinheim habe er dieses Vorhaben bereits erörtert und sei auf große Unterstützung gestoßen.

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