Wo der Heilstrom fließt...

Seligenstadt (th) - Düster drein schaut er auf dem Foto, das wie auf einem kleinen Altar im Hans-Memling-Kolleg des Riesen aufgebaut ist. Stechend sein Blick. Bruno Gröning war Wunderheiler.

In den 1950er Jahren pilgerten Medienberichten zufolge tausende Menschen zu Veranstaltungen, bei denen er mit „göttlicher Kraft“ Kranke gesunden ließ. Der 1959 an Magenkrebs verstorbene Gröning hinterließ eine treue Gemeinde, den Bruno-Gröning-Freundeskreis. Und dieser machte sich jetzt auf, in Seligenstadt kranke Menschen zu heilen und mit dem Gröningschen „Heilstrom“ in allen Lebenslagen zu helfen.

Knapp 100 Besucher waren es, die sich den Vortrag über die göttliche Heilkraft anhören wollten. Alte und Junge, Menschen, die auch auf dem Marktplatz anzutreffen sind. Eine Frau Tamme-Schmitz, ihren Angaben zufolge Heilpraktikerin, fordert die Versammlung zunächst auf, sich zu öffnen. Das geht so: Beine auseinander, Hände auf die Knie, Handflächen nach oben. Sodann ertönt Musik vom Band, erinnert entfernt an weihnachtliches Kaufhaus-Fahrstuhl-Gedudel. Zuvor noch die Frage, ob denn ein Arzt oder jemand von der Presse anwesend sei. Der Chronist meldet sich nicht. Warum auch?

Auftritt Frau M. aus Hanau. Einen Fersendorn habe sie gehabt. Dies beeinträchtige sie als Wanderin sehr. Dann habe sie Grönings Heillehre für sich entdeckt, und der „Heilstrom“ sei geflossen. Auf jeden Fall habe sie keine Schmerzen mehr. Auftritt Herr Maier. An Bulimie war er erkrankt. „Schauen Sie sich den Mann jetzt mal an“, ist die Protagonistin des Abends, Gröning-Freundin Tamme-Schmitz, begeistert ob des gesund und gutgenährt wirkenden Mannes vor dem Publikum. Auftritt Frau A.: Drogensucht habe sie begleitet („Ich hab mit 16 Jahren Hasch konsumiert, später Alkohol und Nikotin“) Heute lebe sie drogenfrei - und leitet eine Jugendgruppe des Gröning-Freundeskreis in Frankfurt. Ursache der Heilungen, Zeitverlauf oder medizinische Indikation - dazu sagen die von Grönings „Heilstrom“ durchfluteten Menschen nichts. Also doch der göttliche Heilstrom? Der fließt übrigens auch durch das Anschauen des Films über den Heiler, für den in Seligenstadt geworben wurde - sagt jedenfalls Frau Tamme-Schmitz.

„Das ist eine spirituelle Ausrichtung“

Der evangelische Pfarrer Martin Franke aus Mainhausen sieht das „Phänomen“ Gröning locker. „Das ist eine spirituelle Ausrichtung“, so der Theologe. Von Aggressivität oder anderen zweifelhaften Methoden, Menschen in die Richtung „Heilstrom“ zu lenken, sei ihm nichts bekannt. Allerdings stuft die Evangelische Kirche Deutschland die Bruno-Gröning-Freundeskreise als Sekte ein. Nachzulesen ist auch, dass Gröning immer wieder Gerichtsverfahren zu überstehen hatte, die angestrebte Zulassung als Heilpraktiker freilich niemals erlangte. Und: Auch von tragischen Todesfällen im Umfeld war schon die Rede.

Zurück in Seligenstadt. Ob denn die Anwesenden während der Vorträge den „Heilstrom“ gespürt hätten, will die Referentin wissen. Ein, zwei Zuhörer melden sich und berichten von „erfüllender Wärme“ und von „aufgezeigten Wegen, emotionale Zerrissenheit zu beheben“. Nach eineinhalb Stunden ist die Veranstaltung vorbei. Mitarbeiterinnen des Bruno-Gröning-Freundeskreises verteilen Flugblätter, mit denen auf Folgetermine hingewiesen wird. Ziel: Einen neuen Freundeskreis aufzubauen. Geld wird übrigens nicht verlangt, um Spenden aber gebeten. Das treffendste Fazit stammt von einer Zuhörerin der Veranstaltung. „Ja, ich habe viel gespürt während des Vortrags. Kann aber auch am langen Stillsitzen gelegen haben…“

Rubriklistenbild: © dapd

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