Kritik an Stadtplanung

Protest-Unterschriften bei Bürgerversammlung

Eine Liste mit 1778 Unterschriften überreichte Margarethe Trautmann von der BI „Stoppt die Stadtbildzerstörung“ an Bürgermeisterin Dagmar B. Nonn-Adams. In der Mitte: Stadtverordnetenvorsteher Peter Sulzmann.

Seligenstadt - Heiß in jeder Hinsicht ging es bei der Bürgerversammlung am Dienstagabend in Riesen her. Die Raumtemperatur noch deutlich über 30 Grad, das Thema „Stadtentwicklung mit Schwerpunkt Bahnhofsgelände“ emotional besetzt. Die 240 Stühle reichten bei weitem nicht aus. Von Sabine Müller

Fazit: Stadtplanung soll künftig nur mit der Bürgerschaft vorangetrieben werden. Selten, so konstatierten die Architekten Karin und Ulf Begher sowie Karl-Christian Schelzke, der Geschäftsführer des Städte- und Gemeindebunds in der Funktion des Moderators, stießen öffentliche Veranstaltungen zur Stadtplanung auf so großes Interesse. Neben dem Architektenpaar und Moderator Schelzke standen von Seiten der Stadtverwaltung Bürgermeisterin Dagmar B. Nonn-Adams und Bauamtsleiter Rudolf Post den Bürgern Rede und Antwort. Stadtverordnetenvorsteher Peter Sulzmann erläuterte den Ablauf des Abends, zu dem der ebenfalls geladene Investor des Bahnhofareals, Karl-Ludwig Toth, nicht erschienen war. Dafür zahlreiche Mitglieder der Bürgerinitiative „Stoppt die Stadtbildzerstörung“, deren Motivation und Ziele Peter Halama eingangs vorstellte. Er umriss die Gründung des BI-Stammtischs, nachdem die Pläne des Investors, am Bahnhof „39 Wohnungen, verteilt auf fünf großvolumige Baukörper“, zu bauen, publik geworden waren.

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Protest gegen Bauvorhaben in Wohngebieten

„Wir sind nicht gegen Innovation und moderne Häuser, es fehlen jedoch Gestaltungsrichtlinien, die das Einfügen in die umliegende Bebauung gewährleisten“. Dass viele - selbst in den Stadtteilen - gegen die Verschandelung des Stadtbildes seien, zeigten auch die 1778 Unterschriften, die der Bürgermeisterin am Ende der Veranstaltung überreicht wurden: „Dokumentierter Bürgerwille, unübersehbar.“ Halamas Kritikpunkte an der städtebaulichen Entwicklung: Es gibt kaum private Bauvorhaben; fast alles läuft über Bauträger; der Bürger muss großen Ehrgeiz mitbringen, wenn er sich über Bauvorhaben informieren will; es scheint System zu sein, ihn außen vor zu lassen; die Innerverdichtung ist wohl ein Muss, obwohl viele Altbauwohnungen leer stehen; der Magistrat fasst zuweilen einen Beschluss, der nur der Stadtverordnetenversammlung zusteht; Stadtverordnete sind großteils Baurechts-Laien. Sein Appell an die Stadtverordneten: „Schieben sie den Aufstellungsbeschluss zum Bebauungsplan 81 (Bahnhofsgelände) und alle weiteren, bis ein für die Bürger tragbares Konzept vorliegt oder bis der bauliche Entwicklungsplan mit Bürgerbeteiligung fertig ist.“

„Behutsame Stadtentwicklung“

„Bürgerbeteiligung ist auch unser Anliegen“, kündigte Ulf Begher von der Planungsgruppe Darmstadt an, der den Auftrag hat, einen städtebaulichen Rahmenplan zu erarbeiten und dabei eine „behutsame Stadtentwicklung“ vorantreiben möchte. Die Innenentwicklung sei schon laut Baugesetzbuch gesetzlicher Auftrag und ökologisch sinnvoll, nachdem der Wohnflächenbedarf stark gestiegen sei und es einen Trend zu kleineren Haushalten gibt: „Im Jahr 1950 waren es 14 Quadratmeter pro Person, heute sind es 45 Quadratmeter.“ Anhand von Plänen und Fotos anderer Kommunen auf der Leinwand gab der Architekt Beispiele, dass die Diskrepanz zwischen alt und neu aber oft zu stark sei. Da beherbergten Wohngebäude mit bisher zwei Wohneinheiten später fünf und mehr, und durch die derzeit propagierten Dämmmaßnahmen zur Energieeinsparung wurde eine schöne Gründerzeitfassade, die nicht mehr unter Denkmalschutz steht, regelrecht „eingepackt“. „Nachverdichtung muss sein“, sagte Ulf Begher, „aber maßvoll. Die Gebäude müssten sich in die Umgebung einfügen und dürften nicht so groß sein. Die Stadt müsse ein dichtes Regelwerk entwickeln, um Einfluss nehmen zu können, wenn nach Recht und Gesetz gebaut werde, auch das Baurecht betone das Prinzip der persönlichen Baufreiheit.

Zur Erstellung des städtebaulichen Rahmenplanes präsentierte der Stadtplaner folgende Vorgehensweise: Zunächst soll der gesamte architektonische Bestand erfasst und analysiert, danach die vorhandenen Rechtsinstrumente (Bebauungsplan, Satzung) geprüft werden: „Reichen sie aus?“ Danach werden Entwicklungsziele für jedes Quartier definiert und diskutiert sowie Instrumente und Maßnahmen dafür entwickelt. Diese Aufgabenstellung entspreche auch dem, was die Stadtverordnetenversammlung beschlossen habe: Seligenstadt formuliere künftig die eigenen Entwicklungsziele im Stadtgebiet. Die Akteure im Verfahren seien die kommunalen Beschlussgremien, die Verwaltung, die Planer sowie die Öffentlichkeit. „Es ist ein dialogischer Prozess notwendig. Wir erarbeiten die Grundlagen, die Politik und Öffentlichkeit vorgestellt werden. Die Bürger können eingebunden werden durch mehrere Planungswerkstätten, die einberufen werden sollen.“

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