Dioxin-Krise als Chance

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Thomas Karrlein ist seit 30 Jahren mit seinem mobilen Grillstand unterwegs: Kaufzurückhaltung im Zusammenhang mit Dioxin hat er nicht festgestellt.

Seligenstadt (th) ‐ Und wieder schockt ein Nahrungsmittelskandal die Republik: Mit hochgiftigem Dioxin verseuchtes Futtermittel gelangt in Schweinefleisch, Geflügel und Eier.

Zwar scheint unsere Region noch verschont von den Auswirkungen, Reaktionen der Kunden auf entsprechende Medienberichte erleben die Seligenstädter Metzgermeister dennoch: „Die Kunden fragen schon häufiger nach“, berichtet Metzgermeisterin Andrea Kuhn aus Klein-Welzheim. Von Verunsicherung will sie noch nicht sprechen. „Wir haben alle unserer Zulieferer angeschrieben und einen genauen Nachweis der verwendeten Futtermittel abgefragt“, so die Handwerksmeisterin. Und sie findet deutliche Worte: Der Preisdruck in der Branche sei enorm, gerade Discounter unterböten sich mit preiswertesten Fleischangeboten. „Als Handwerksbetrieb wollen und können wir diese Preise nicht mitmachen - aber Qualität garantieren.“ Diese Qualität koste halt etwas mehr, „aber die schicke Einbauküche für 20 000 Euro und dann das Kilo Billigfleisch für zwei Euro - das passt doch nicht zusammen“, macht sie auf die Diskrepanz zwischen den Ansprüchen aufmerksam.

Dies sehen ihre Kollegen ähnlich. Metzgermeister Richard Fecher geht in die Offensive. Es hat eine Kundenbrief auf der Theke ausliegen, in dem auf die aktuelle Dioxin-Problematik eingegangen wird. „Kriminelle Machenschaften einzelner Futtermittelhersteller müssen mit aller Härte verfolgt werden“, heißt es darin. Auch seine Firma hat alle Lieferanten und Produzenten angeschrieben und Nachweise der verwendeten Mittel für die Fütterung der Schlachttiere verlangt. Und: „Bio-Eier haben wir immer schon gehabt.“

Umsatzplus beim Schweinefleisch

Die Lust auf das Brathähnchen scheint indes so manchem Seligenstädter im Laufe der Jahre vergangen zu sein: „Insgesamt verkaufen wir heute nur so viel in einer Woche wie vor zehn Jahren an einem Tag“, sagt Thomas Karrlein, der seit 30 Jahren mit seinem mobilen Grillstand unterwegs ist, derzeit an der Aschaffenburger Straße steht. Im Zusammenhang mit der aktuellen Diskussion habe er jedoch noch keine Zurückhaltung gespürt. Konkrete Kaufzurückhaltung bemerkt dagegen die Verkäuferin eines Discounters in Seligenstadt, die nicht genannt werden wollte. „Unsere Fleischtheke wird derzeit deutlich seltener in Anspruch genommen.“

Des einen Leid ist des anderen Freud´: Wie seine Handwerkskollegen berichtet Metzgermeister Franz Becker vom Umsatzplus bei Schweinefleisch. „Ich verkaufe derzeit mehr Koteletts und Schnitzel als zuvor“, berichtet er von einem 20-prozentigen Plus dieser Angebote. „Die Kunden wissen, dass wir ein selbstschlachtender Betrieb sind und honorieren Qualität.“ Seine Eier werden ausschließlich in Hessen produziert, sein Geflügel kommt aus der Rhön. Becker nutzt jetzt die Gunst der Stunde: Von seinen Neukunden, die den Weg zurück ins Fachgeschäft gefunden haben, will er mit gezielten Marketingaktionen einen hohen Prozentsatz zu Stammkunden machen.

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