Ein Fall oder ein Sonderfall ?

Ehepaar stößt bei Flüchtlingshilfe an bürokratische Grenzen

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Michael Sonntag: „Haben keine Kraft mehr, noch etwas für die Flüchtlingsfamilie zu tun.“

Seligenstadt - Seit einem Vierteljahr unterstützt die Seligenstädter Familie Sonntag eine syrische Flüchtlingsfamilie, die in einer Gemeinschaftsunterkunft einquartiert ist. Von Sabine Müller 

Doch die Hilfe stößt an bürokratische Grenzen: Die Froschhausener könnten ihr eine Privatwohnung vermitteln, haben dazu jedoch widersprüchliche Stellungnahmen von Kreis und Stadt gehört. Auf Anfrage unserer Zeitung erläutert Seligenstadts Erste Stadträtin die rechtliche Situation. Michael Sonntag läuft die Zeit davon: Seit zehn Wochen setzt er sich dafür ein, dass eine dreiköpfige Flüchtlingsfamilie aus Syrien in eine Privatwohnung umziehen kann, die der Vermieter bisher freigehalten hat. Mehrfach hat er sich an die Behörden gewandt, in der Kreisverwaltung sprach er auch persönlich vor. Mittlerweile ist er nicht nur empört über die „unverschämte Art und Weise, wie ich von den Ämtern behandelt wurde“, sondern auch mit seinem Latein am Ende und wandte sich an unsere Zeitung. „Keiner fühlt sich zuständig, wir haben keine Kraft mehr, noch etwas für die Familie zu tun.“

Zu dem 24-Jährigen, seiner 20 Jahre alten Ehefrau und der kleinen Tochter haben Karin und Michael Sonntag mittlerweile ein freundschaftliches Verhältnis. Die Anhörung im Asylverfahren hat das Paar hinter sich, die Anerkennung steht noch aus. Seit Dezember sind die Kriegsflüchtlinge in Deutschland, kamen zuerst nach Langen, dann nach Seligenstadt, wo sie in einer Gemeinschaftsunterkunft der Stadt an der Offenbacher Landstraße untergebracht wurden. Im Juli benötigte Sonntag für seinen Hausmeisterservice eine Urlaubsvertretung und kam mit dem Syrer in Kontakt, der neben Arabisch sehr gut Englisch spricht und auf Jobsuche war. „Zunächst arbeitete er als Praktikant bei mir, seit 1. Oktober hat er einen Arbeitsvertrag für einen Medi-Job“, berichtet sein Arbeitgeber. Der junge Mann sei fleißig, freundlich und hilfsbereit – „fast wie ein Sohn“. Die Sonntags erfuhren, dass der Moslem zum christlichen Glauben konvertiert und seine Ehefrau psychisch labil sei: „Die hygienischen Zustände in Langen müssen katastrophal gewesen sein. Sie konnte nichts mehr essen, was einen Krankenhausaufenthalt nach sich zog.“

Derzeit lebe die Familie in einem 15 Quadratmeter großen Zimmer mit Gemeinschaftsbad und –küche. „Ich wollte sie aus dieser Wohnung rausholen“, erklärt Michael Sonntag. Dort sei es auch nachts sehr laut, die Frau sei schon belästigt worden, es komme zu Differenzen mit den andersgläubigen Mitbewohnern. Als der Unternehmer eine Privatwohnung fand, wandte er sich mit dem Attest eines Allgemeinmediziners, das den labilen Gesundheitszustand der Ehefrau bestätigt, sowie dem Wohnungsangebot des Vermieters an Stadt und Kreis. Am 29. September reagierte die städtische Seite nach einem Gespräch am Runden Tisch mit Vertretern des Rathauses, der Caritas und dem AK „Willkommen“ mit einem Schreiben: Vor der Anerkennung sei es weder möglich, dass die Familie selbst noch die Stadt für sie eine eigene Wohnung anmieten könne. Von der Kreisverwaltung kam am 18. Oktober die Auskunft, die Mietkosten seien angemessen, bevor man dem Mietvertrag zustimmen könne, benötige man aber noch die Auflistung der Nebenkosten – „obwohl die bereits vorlagen“, sagt Sonntag. Zwei Tage später revidierte der Kreis in einem weiteren Brief: Da die Familie momentan in einer städtischen Unterkunft lebe, sei Seligenstadt für den Fall zuständig. Karin und Michael Sonntag ärgern sich, meinen, hier schöben sich Stadt und Kreis gegenseitig den Schwarzen Peter zu.

Bilder: So helfen Sie Flüchtlingen in der Region

Seligenstadts Sozialdezernentin Claudia Bicherl stellt auf Anfrage unserer Zeitung die rechtliche Situation wie folgt dar: Bevor das Asylverfahren nicht positiv beschieden wurde, habe die Familie keine Möglichkeit in eine Mietwohnung umzuziehen. Grundsätzlich könne der Arbeitgeber die Wohnung anmieten, trüge dabei jedoch das Risiko der Mietschuld selbst. „Mit der Bestätigung des Amtsarztes über den schlechten Gesundheitszustand der Ehefrau wäre es aber möglich, dass die Familie aus der jetzigen Unterkunft, in der etwa 25 Personen leben, in ein kleineres Haus in der Schäferstraße umzieht. Nur im Sonderfall, dass der Amtsarzt eine Gemeinschaftsunterkunft für unzumutbar hält, würden wir einspringen.“

Bilder: Umgang mit Flüchtlingen in der Region

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