„Bin der verrückteste von allen Kunstliebhabern, die ich kenne“

Ein Galerist und sein Trennungsschmerz: Karl Blehle sammelt und verkauft alte Ölgemälde in Seligenstadt

Karl Blehle in den Ausstellungsräumen seiner Galerie in der Seligenstädter Altstadt.
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Karl Blehle in den Ausstellungsräumen seiner Galerie in der Seligenstädter Altstadt.

Es gibt sie noch, die heile Welt, gemalt in Ölfarben. Zu sehen ist sie bei Kunstsammler Karl Blehle in dessen pittoresker Gemäldegalerie in Seligenstadts Altstadt, 100 Meter vom Marktplatz entfernt.

Seligenstadt – Auch junge Passanten bleiben dort in der Steinheimer Straße vor den Schaufenstern mit den Jugendstilbuchstaben stehen, um sich ferne Welten des 17. bis 19. Jahrhunderts auf ausgelegten und gehängten, oft goldgerahmten Bildern anzusehen. Der unermüdliche, passionierte Sammler, der mehr als nur Kunsthändler ist, hat seine Räume für Kunden geöffnet, am besten natürlich nach Vereinbarung mit ihm oder seiner Tochter Birgit Blehle-Dunz, die das Kunstkabinett seit 1999 mit ihrem Vater betreibt.

Ein Besuch lohnt. Schon in den vorderen Galerieräumen sieht man wundervoll gemalte Landschaftsmotive, Interieurs, Porträts und Stillleben der letzten Jahrhunderte, die man kaum noch in Galerien zu sehen bekommt. Auch nicht in Sammlerstädten wie Frankfurt oder Köln, wo der Handel mit historischen Gemälden ziemlich aus der Mode gekommen ist.

Wie die malerischen Kunstschätze zusammengewachsen sind, erklärt sich auch aus der Biografie des vitalen 81-Jährigen: „Schon als Kind hatte ich Talent, zu fotografieren. Nach der Mittleren Reife und einer Lehre in einer Offenbacher Fotodrogerie absolvierte ich eine Fotografenausbildung in Darmstadt. Die dortigen Mittagspausen gehörten oft Besuchen der großen Gemäldesammlungen im Hessischen Landesmuseum. Dort sah ich Meisterwerke von Pieter Brueghel, von Darmstädter Hofmalern, von Malern des Kreises um Goethe, dazu große holländische Meister wie Rembrandt und Maler der Romantik und des Klassizismus.“ Gewisse Vorlieben aus dieser Zeit sind bis heute geblieben.

Neuzugang: Birgit Blehle-Dunz zeigt ein frisch erworbenes Ölgemälde.

Doch der junge Fotograf, der damals auch Kreismeister im 100-Meter-Lauf war, musste die Drogerie seines Vaters übernehmen, betrieb dazu ein Foto-Atelier. Durch das von Ketten verursachte Drogeriesterben kam es auch zu Veränderungen bei Familie Blehle, die dem heimlichen Sammler nicht unlieb waren: „Ende der 60er Jahre flossen immer mehr Bilder in unser Geschäft.“

Der junge Fotodrogist qualifizierte sich als Autodidakt durch Museums- und Galeriebesuche und jede Menge Fachliteratur für den Galeristenberuf. Ab 1985 gibt es die bis heute bestehende Gemäldegalerie, die auch im ehemaligen Foto-Atelier jeden Quadratmeter Fläche einnimmt. Dabei ist Blehle nie zum typischen Kunsthändler geworden: „Wenn ich gute Bilder sehe, die zu erwerben sind, kriege ich bis heute Schwächeanfälle – auch zum Leidwesen meiner Familie. Da mischt sich dann mein Blick für Qualität mit einer Art Kunstjagdfieber. Von allen Kunstliebhabern, die ich kenne und mit denen ich auch handle, bin ich der verrückteste.“ Glaubhaft beschreibt Blehle, wie er zittert, wenn er sich von geliebten Sammelstücken trennen soll: „Es fällt mir dann enorm schwer, den Kunden Preise zu nennen.“ Von besonderen Stücken lässt er sich auch mal eine Kopie malen, um sie zu Hause weiter betrachten zu können.

Von dem, was Blehle sein Eigen nennt, bekam man erstmals 1999 in der Ausstellung „Große Gemälde – kleine Meister“ im Seligenstädter Landschaftsmuseum eine Vorstellung. Inzwischen hat sich sein Spektrum erweitert, in dem auch bekannte Maler eine Rolle spielen wie der frühbarocke Meister Joachim von Sandrart, die Flörsheimer Malerfamilie Schütz, Romantiker Karl Spitzweg, Mitglieder der Kronberger Malerkolonie oder Könner unserer Region wie Henny Franke, Hans Schmandt und Adolf Bode aus Offenbach.

Dass Behles Galerie auch Schule des Sehens sein will, bestätigt sich beim Betrachten wunderschöner Gemälde zum Würzburger Weinort Sommerhausen oder zum rheinischen Prachtort Bacharach. Dabei kommt es dem Sammler weniger auf große Namen an als auf charakter- und stimmungsvolle Darstellungen einer untergegangenen Malkunst, für die technische Meisterschaft und Schönheit oft die einzige Messlatte ist. Und die war und ist gefragt bis in amerikanische Hotelketten oder Spezialausstellungen in München, Wien, Düsseldorf oder Brüssel, die Blehle mit Leihgaben belieferte. Auch ein rares Werk des deutschen Renaissancemeisters Adam Elsheimer vermittelte der Seligenstädter Kunstexperte, der viele Jahre mit dem bekannten Wertheimer Unternehmer und Sammler Wolfgang Schuller auf Kunstpirsch war. Davon profitierte auch die wunderschöne Galerie des Wertheimer Schlösschens im Hofgarten. „Schuller hat von mir gelernt“, bemerkt Blehle, der auch als Gemälderestaurator und Kunstberater tätig ist und war. Schon seine Großmutter hielt für die großherzogliche Familie Hessen-Darmstadt die weltberühmte Holbein-Madonna in Schuss.

Dass diese zuletzt für zig Millionen Euro vom Darmstädter Schloss zur Sammlung Reinhold Würth nach Schwäbisch Hall transferiert worden ist, konnte Blehle freilich nicht verhindern. Mit derlei Geschäften hat der Kunstliebhaber ganz und gar nichts zu tun. (Von Reinhold Gries)

Kontakt: Gemäldegalerie Karl Blehle, Steinheimer Straße 12, Telefon: 06182 3323, galerie-blehle.eu

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