Jubiläumsschrift würdigt auch Gründer Otto Müller

Einhard-Gesellschaft Seligenstadt feiert 60-jähriges Bestehen mit einer Neuauflage

Die Einhardsbasilika in Steinbach: Otto Müller, Gründer der Einhard-Gesellschaft, wurde nur unweit davon geboren.
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Die Einhardsbasilika in Steinbach: Otto Müller, Gründer der Einhard-Gesellschaft, wurde nur unweit davon geboren.

Bewahren und gleichzeitig nach vorne schauen will die Einhard-Gesellschaft 60 Jahre nach ihrer Gründung durch den Kunsthistoriker und Denkmalpfleger Otto Müller. Der runde Geburtstag konnte im Dezember nicht gefeiert werden, als Alternative wurde die „Translation und Wunder der Heiligen Marcellinus und Petrus“ neu aufgelegt.

Seligenstadt – Einhard – Biograf Karls des Großen und Gründer der Seligenstädter Abtei – beschreibt in den neu übersetzten Schriften detailliert und unterhaltsam die Entnahme der Reliquien der Märtyrer Marcellinus und Petrus aus den Katakomben in Rom und die Überführung der Gebeine erst nach Michelstadt und später dann nach Obermulinheim, dem heutigen Seligenstadt. Die Neuauflage des Buches wird gerade gedruckt und enthält als neuen Vorspann einen Rückblick auf die Vereinsgeschichte und auf Gründer Otto Müller.

Müller, der im September 109 Jahre alt geworden wäre, hatte die Einhard-Arbeitsgemeinschaft, die später in den Verein Einhard-Gesellschaft Seligenstadt überging, zwecks Mittelbeschaffung in den 1960er Jahren gegründet. Mit ihr gelang es 1967, die mittlerweile einsturzgefährdete Steinbacher Einhardsbasilika an das Land Hessen zu verkaufen und etwa die Errichtung eines Kernkraftwerks auf dem Gebiet der Seligenstädter Wasserburg zu verhindern.

Als Landeskonservator für den Großraum Starkenburg zuständig, prägte der 1911 nur weniger Schritte von der Steinbacher Basilika geborene Müller die Region von Odenwald und Spessart. Sein besonderes Augenmerk lag dabei auf dem Baumeister und fränkischen Gelehrten Einhard, der in Steinbach und Seligenstadt jeweils eine Basilika errichtet hatte. Bereits mit 24 Jahren widmet Müller sich im Auftrag des kunstgeschichtlichen Instituts der Technischen Hochschule Aachen der wissenschaftlichen Untersuchung der Seligenstädter Basilika. 1936 publiziert, führen seine Aufzeichnungen zu aufwendigen Grabungen vor Ort. Gleichzeitig markieren sie den Beginn jener Herkulesaufgabe, die mit dem Rückbau der barocken zur karolingischen Basilika, Müllers Tun bis zuletzt prägen.

In Seligenstadts Innenstadt, wo er nach Kriegsende in der Klosterprälatur lebt und eine kleine Außenstelle des Denkmalamts einrichtet, setzt Müller sich zudem maßgeblich um den Erhalt der Fachwerkhäuser ein.

In den Fünfzigerjahren geht der Rückbau der Basilika in die Endphase. Hölzerne Flachdecken, verkleinerte Fenster, karolingische Nachbildungen von Pfeilergliederungen und Gurtgesimse entstehen, Rekonstruktionen im historischen Kontext. Die Wiederherstellung des verlorengegangenen karolingischen Erscheinungsbildes mündet in schnörkellose Sachlichkeit. Darin eingefügt werden die barocke Kanzel, Wandfiguren und Altäre. Bei der feierlichen Übergabe verkündet Pfarrer Philipp Lambert: „Die Einhard-Basilika in Seligenstadt wird in Zukunft in keinem Kunstatlas mehr fehlen.“

Was bewahrt, welche Stilelemente wiederaufgebaut oder erhalten werden sollten, entschied Müller zugunsten Einhard’scher Bauweise. Der Barock dagegen fiel der „Löschen“-Taste zum Opfer. In Müllers Nachlass, der größtenteils im Mainzer Diözesanmuseum archiviert wird, dokumentieren tausende Fotos und Glasnegative die Großbaustelle. Aktuell werden die Bestände im Auftrag der Einhard-Gesellschaft gesichtet und beschrieben. Jene waren nach dem Tod Müllers von Schloss Fürstenau nach Mainz gebracht worden. Die umfangreichen Bildbestände stehen nun zum 60. Jubiläum der Einhard-Gesellschaft inventarisiert, digitalisiert und öffentlich zugänglich zur Verfügung.

Müller pendelte nach dem Erreichen der Altersgrenze 1976 häufig zwischen Seligenstadt und Steinbach, wo er in den letzten Jahren lebte. Auch als Rentner blieb er ehrenamtlicher Leiter des Landschaftsmuseums in Seligenstadt, betreute die Michelstädter Sanierungsproblematik und die Gründung des dortigen Odenwaldmuseums. Mehrfach wies er das Bundesverdienstkreuz wie die Ehrenbürgerwürde der Stadt Seligenstadt zurück. Vermutlich besuchte er Seligenstadt 1998 zum letzten Mal und starb im darauffolgenden Jahr 88-jährig, vier Wochen nach seiner Frau.

Ein halbes Jahrhundert nach Müllers Rekonstruktion der Seligenstädter Basilika beraten Pfarrei, Diözese, staatliche und kirchliche Denkmalpflege derzeit erneut über eine Sanierung. Noch immer gilt die Basilika als Baudenkmal europäischen Ranges. Was neugestaltet oder erhalten werden soll, ist deshalb auch Thema am 60. Geburtstag der Einhard-Gesellschaft. Vielleicht könne Einhard auch heute noch einmal als Maßstab dienen, heißt es in der Jubiläumsschrift.  (fj)

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