Karl Wölfinger: „Ein kleiner Wermutstropfen“

Leiter der Einhardschule geht in Ruhestand

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Mit über 1000 bunten Luftballons nahmen Schüler aller 42 Klassen gestern vor der offiziellen Feier Abschied von Schulleiter Karl Wölfinger. Stellvertreter Dieter Herr hatte in Abstimmung mit Lehrerschaft und Schülervertretung das Spektakel organisiert.  

Seligenstadt - Der Leiter der Einhardschule in Seligenstadt verabschiedet sich in den Ruhestand. Im Interview zieht er Bilanz.

Fast 14 Jahre lang leitete Karl Wölfinger die Einhardschule in Seligenstadt (ESS). Eine Zeit, die von großen räumlichen und inhaltlichen Veränderungen geprägt war und wie im Flug vergangen ist: „Langweilig war mir nie. “ Mit Vollendung seines 65. Lebensjahres geht der Oberstudiendirektor in den Ruhestand. Gestern wurde er an der Schule verabschiedet. Im Interview mit Sabine Müller zieht er Bilanz.

Was waren unter Ihrer Ägide Zäsuren, welches Ihre größten Herausforderungen? 

Als stellvertretender Schulleiter übernahm ich im August 2001 die Leitung der ESS, im Herbst begann dann öffentlich die politische Diskussion um die Aufhebung der damals noch kooperativen Gesamtschule. Seligenstadt hatte seit 1958 ein eigenes Gymnasium, das 1974 in eine Gesamtschule umgewandelt worden war, zusammen mit der Matthias-Grünewald-Schule (Haupt- und Realschule). Von 2001 bis 2004 wurde über die Organisationsänderung diskutiert. Das war der Moment, wo ich erstmals gefordert wurde. Es gab eine Unmenge an Gesprächen mit politischen Meinungsträgern, emotionale Gesamtkonferenzen. Mehrheiten wollten die Trennung, 2004 stimmten alle Gremien zu.

Wie war Ihre eigene Haltung zur Umwandlung der Schulform? 

Das Grundproblem war, dass die Einhardschule nie als Gesamtschule entwickelt worden war. Die Schulleiter kamen immer aus dem gymnasialen Zweig; von damals 1650 Schülern waren 1200 Gymnasialschüler. Das ist nicht verwunderlich, jede Gemeinde hatte damals eine eigene Haupt- und Realschule. Es wurde klar getrennt zwischen den Schulzweigen. Es machte Sinn, die Organisationsänderung durchzuführen. Zumal für den Haupt- und Realschulzweig die Chance bestand, dass er sich entwickeln konnte als eigenständige Schule mit eigenständigem Profil – was an der Merianschule auch geschehen ist.

Weitere Einschnitte? 

Die Gesamtschule war noch auf drei Gebäude verteilt gewesen: beiderseits der Einhardstraße sowie an der Giselastraße. Mit ihrer Aufhebung begannen unmittelbar die umfassenden Baumaßnahmen zur Erweiterung und Modernisierung. Wir haben schon 2003 angefangen zu planen, damit die Schüler der verschiedenen Schulformen in jeweils eigenen Gebäuden unterrichtet werden konnten. 2005 wurde ich dann nach der ordentlichen Ausschreibung offizieller Schulleiter des Gymnasiums.

Welche Ziele haben Sie erreicht, von welchen mussten Sie sich verabschieden?

Die Baupläne hatten die Jahre zuvor unendlich viele Kräfte gebunden, jetzt ging es erst mal um die Weiterentwicklung der Schule in Bezug auf das Unterrichtsangebot. In dieser Zeit wurden in Hessen Schulprogramme entwickelt, wir haben Projektwochen und Studienfahrten überarbeitet, Leitziele definiert, den musischen Zweig weiter ausgebaut. Darstellendes Spiel ist jetzt fast ebenbürtig mit unserem Schwerpunkt Musik, es ist ein eigenes Unterrichtsfach geworden, das wir auch als Abiturprüfungsfach anbieten. Dann die Einbindung des Kollegiums – es waren stets um die 100 – und der Eltern in die Schulentwicklungsdiskussion; das war früher eher Angelegenheit des Schulleiters. Daneben kamen neue Lehrpläne; nachher G8 ab Schuljahr 2005/06 bis vergangenen Sommer, als unser Doppeljahrgang zum Abitur geführt wurde; die Kerncurricula und Bildungsstandards für die Sekundarstufe I. Mit G8 kamen die pädagogische Mittagsbetreuung und der Ganztag, der bei uns aber offen und freiwillig gestaltet ist.

Für mich persönlich war die Öffnung nach außen wichtig. Wir haben viele Kooperationen mit Vereinen aufgebaut, die nun zum Beispiel Arbeitsgemeinschaften am Nachmittag anbieten oder gemeinsam mit unseren Ensembles Veranstaltungen durchführen. Dann selbständiges, projektbezogenes Arbeiten, nicht nur Unterricht nach Lehrplan. Ich bin Naturwissenschaftler und wollte die Informatik besser etablieren. Das ist nicht gelungen, weil wir keinen Kollegen haben, der eine Lehrbefähigung dafür hat, es sind alles Autodidakten. Wir haben zwar Kollegen ausgebildet, diese sind aber nicht an der Schule geblieben, heute haben wir nicht genug Stellen aufgrund gesunkener Schülerzahlen. Uns fehlen im naturwissenschaftlichen Bereich Lehrkräfte, die uns konstant erhalten bleiben. Dafür konnten wir zum Beispiel „Jugend debattiert“ an der Schule etablieren sowie „Weimar-Buchenwald“ als Projektthema in der Oberstufe. Erweiterten Musikunterricht gibt es schon seit 35 Jahren. Wir haben ihn so ausgebaut, dass wir Schülern mit Neigung zu Musik alles anbieten können: Bigband, Orchester, Instrumentalensembles, Chöre. Es gibt eine schöne Symbiose mit Seligenstadts vielen Kultur schaffenden Vereinen.

Sie erwähnten einen Zusammenhang der G8-/G9-Debatte mit der Entwicklung der Schülerzahlen? 

Nach der Umbauphase, als die großen Jahrgangsstufen aus den Grundschulen kamen, lagen wir noch bei rund 1400 Schülern und hatten zum Teil sieben Eingangsklassen. Momentan sind es 1150 Schüler, zum Schuljahr vorher haben wir 150 Schüler verloren. Die Zahlen sind sukzessive gesunken, auch aufgrund der G8-/G9-Diskussion. Mit G8 hatten sich nicht mehr so viele Eltern getraut, Kinder im Gymnasium anzumelden, bei denen die Einstufung nicht ganz klar war. Als die Rückkehr zu G9 im Raum stand, hatten wir ganz starke Anfragen nach G9 aus den Grundschulen. Auch die Schulelternschaft hat diese Rückkehr für die zukünftigen Jahrgangsstufen 5 maßgeblich unterstützt. Ende 2013 kam die große Diskussion um den Wechsel von laufenden Jahrgangsstufen von G8 nach G9, dem sind wir wie die meisten Gymnasien nicht gefolgt. Dies führte zu Unmut bei manchen Eltern, die sagten, unter diesen Bedingungen wechselt unser Kind an eine Gesamtschule.

Wie wollen Sie die Attraktivität der Schule erhalten? 

Seligenstadt liegt ja am Ostrand des Kreises und hat damit ein Alleinstellungsmerkmal. Das hat den Vorteil, dass viele Kinder aus dem Bereich Seligenstadt, Mainhausen, Hainburg zu uns kommen, weil die Fahrt an andere Schulen aufwändig ist. Um die Schüler zu halten, wird aber über das Angebot in der Oberstufe nachgedacht. Wir können nicht jedes Leistungsfach anbieten, das gewünscht wird, wie zum Beispiel ein Sport- oder Kunstleistungskurs, und dadurch andere kleine Fächer wie Politik und Wirtschaft oder Physik als Leistungsfach verlieren. Es gibt aber auch die Diskussion, dass die ESS eine Schule mit dem Schwerpunkt Musik ist, aber nicht immer einen Leistungskurs Musik hat. Oder Spanisch: Gibt es nur als Wahlunterricht in Klasse 8 und 9, viele Eltern wünschen es sich aber schon als zweite Fremdsprache. Unser Personal ist derzeit auf Latein ausgerichtet. Hier sind Ansatzpunkte.

Sind die Lehrer entsprechend geschult? 

Da ist durchaus eine Veränderung erkennbar. Als die modernen Medien im Unterricht Einzug hielten, war ja die Lehrergeneration ein Stück weit überfordert. Die jungen Kollegen können gut damit umgehen. Außerdem gibt es zwar neue Praktikumsverordnungen, das wichtigste ist jedoch, sich selbst beurteilen und einstufen zu können. Noch immer merkt ein angehender Lehrer frühestens im Referendariat, inwieweit man mit Schülern arbeiten und ob man diese alltägliche Anstrengung auf sich nehmen kann.

Jetzt hört man schon geraume Zeit von einer gewissen Unzufriedenheit bei Eltern und Kindern der ESS: In der Kritik stehen Kompetenzen und Motivation von Lehrern.

Das ist richtig, das ist ein großes Thema. Ich kann diese Kritik in Bezug auf einzelne Personen nachvollziehen, man tut jedoch einer überwiegenden Mehrheit von Kolleginnen und Kollegen Unrecht, indem man die ganze Schule daran misst. Wir haben den Arbeitskreis „Schulzufriedenheit“ eingerichtet, es gibt eine Umfrage dazu, die jetzt ausgewertet wird; das Thema wird von einem Schulentwickler von außen begleitet. Ein Grundproblem ist, dass wir viele Jahre im Schulprogramm ein Leitbild hatten. Jene Kollegen, die dieses entwickelt haben, gibt es aber nicht mehr, weil wir uns stark verjüngt haben. Zum Teil mit sehr guten und sensiblen Lehrern, es gibt aber auch welche, die sehr hohe Anforderungen an Schüler haben ohne zu hinterfragen, inwieweit sie selbst dazu beitragen, dass diese auch zu erfüllen sind. Es ist aber auch eine ganz bestimmte Elternschaft, die dieses immer wieder verbreitet und andere Erwartungen an Schule hat als vor Jahren. Und es hat sich eine Schülerschaft entwickelt, die sich zum Teil stark in den Mittelpunkt stellt. Die Frage ist: Wie gehe ich mit ihnen um? Es gilt, wieder gemeinsam am Leitbild zu arbeiten – auch mit gegenseitiger Kontrolle. Es ist für mich ein kleiner Wermutstropfen, wenn ich jetzt gehe und sagen muss: Eigentlich ist nicht alles in Ordnung.

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Wer führt die ESS in die Zukunft? 

Es wird im Februar kein neuer Schulleiter hier anfangen, sondern zunächst mal wieder der stellvertretende Schulleiter, also Dieter Herr, die Verantwortung übernehmen. Ich hoffe, nicht so lange wie ich damals. An seiner Seite hat er einen Oberstufenleiter und zwei Fachbereichsleiter.

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