Schlechte Wege und erotische Erlebnisse

Seligenstadt - Sie gehören zu den eindrucksvollsten Zeugen einer vergangenen Zeit: Die drei Löffelbücher, die in den Wirtshäusern Seligenstadts auslagen und in die sich ab Mitte des 17. Jahrhunderts Reisende auf ihrem Weg eintrugen. Von Thomas Hanel

Dies erläuterte jetzt die Historikerin Dr. Ingrid Firner, die sich intensiv mit der Materie beschäftigte. Auf Einladung des Fördervereins Landschaftsmuseum gab sie Einblick in ihre Arbeit, die in den kommenden Monaten auch als Buch erscheinen wird.

Die Löffelbücher bezeichnete sie als aussagekräftig, da viele tausend Akteure sich im Verlaufe der Löffeltrinkzeremonie in Seligenstadt dort eintragen und abseits der damals allgegenwärtigen Zensur schriftlich äußern konnten. Die führenden Wirtshäuser waren in Seligenstadt nicht nur Rastplätze, wo Reisende verpflegt wurden und ein Dach über dem Kopf für die Nacht hatten. Vielmehr waren sie Informationsbörsen und boten den schreibkundigen und zahlungskräftigen Gästen mit dem Löffelbuch ein Kommunikationsmittel. „Die Löffelbücher waren eigentlich Gästebücher“, so Dr. Firner. Im späten 17. und frühen 18. Jahrhundert waren es vor allem die „hochlöblichen“ Handelsherren und Patrizier aus den süddeutschen Reichsstädten, die Wirtshäuser und das kaufmännische Hänselritual nutzen. Sie messen dem Ritual Erinnerungs-, Symbol- und Integrationswert zu.

Es waren Großhändler, Bankiers, hervorragende Musiker und Kunsthandwerker, die sich den Strapazen der Messereisen aussetzten und bedeutende Handelsplätze wie Frankfurt, Köln, aber auch Antwerpen, Königsberg oder Leipzig besuchen. Manche von ihnen verewigen sich lediglich mit ihrem Namen im Buch, andere demonstrieren hohe Bildung, indem sie mit Fremdsprachen glänzen, Gedichte schreiben oder selbst reimen. Aber es finden sich ganz praktische Hinweise in den Löffelbüchern: Warnungen vor schlechten Wirtshäusern, Meinungen über verschiedene Weine aus Franken, Burgund oder vom Rhein, geschickte oder ungeschickte Kutscher.

Beschwerden über schlechte Straßen

Viele beschweren sich über schlechte Straßen. Vor allem der Weg von Frankfurt nach Seligenstadt gehörte wohl dazu: „Die Chaussee ist so verflucht schlecht, dass, wenn man in Frankfurt den Magen voll Kieselsteine gefressen hätte, man sie verdauen könnte bis hierin nach Seligenstadt“, heißt es beispielsweise. Und es sind natürlich die erotischen Erlebnisse, die die Reisenden beschäftigen.

Schon Goethe beschrieb das Geleitsfest und die Bräuche drum herum. Bis 1937 wurde es in Frankfurt abgehalten, um dann von geschickten Bürgern nach Seligenstadt transferiert zu werden. Im ältesten Löffelbuch fehlen übrigens Einträge von Seligenstädter Bürgern. Die agrarisch geprägte Gesellschaft bleibt zudem ausgeschlossen vom Löffeltrunk. Die Alphabetisierung betrug bis ins frühe 19. Jahrhundert lediglich zehn Prozent der Menschen. Zu diesen zehn Prozent zählten allerdings die Wirte im Wolfen und im Ochsen, die materiell und rechtlich zur Oberschicht gehörten und nebenbei auch Handel trieben.

Und noch ein paar interessante Details zeigt Dr. Firner auf. So wurde, dem Vordringen der türkischen Kultur geschuldet, auch Kaffee aus dem Löffel getrunken. Ein Eintrag von Madame Hetzel Sellier, Kutscherin von Kaiser und König Napoleon, verewigte sich in einem Löffelbuch. Für Dr. Firner ein klares Indiz, dass Kaiser Napoleon im Winter 1812 oder Frühjahr zumindest auf der Durchreise in Seligenstadt war. Denn es wäre unter seine Würde gewesen, selber in das Buch zu schreiben. „Ich bin mir ziemlich sicher, dass Napoleon in Seligenstadt durchgereist ist“, so Dr. Firner.

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