Seligenstädter Bildhauer

Auf den Flügeln hehrer Dichtkunst

Vertrauter Anblick für Besucher: Frankfurts wiederaufgebaute Alte Oper, gekrönt von Georg Hüters Pegasus-Replik.
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Vertrauter Anblick für Besucher: Frankfurts wiederaufgebaute Alte Oper, gekrönt von Georg Hüters Pegasus-Replik.

Seligenstädter Bildhauer Georg Hüter schuf Pegasus für Frankfurts Alte Oper.

Seligenstadt/Schmerlenbach – Für Frankfurt war es der Abschluss eines spektakulären Wiederaufbaus, für den Seligenstädter Georg Hüter der Beginn einer großen Karriere: Am 19. August 1981 hievte ein Autokran seine Replik des kriegszerstörten Pegasus auf den Giebel der Alten Oper. Tausende verfolgten das Spektakel in der Fressgass und auf dem Opernplatz. Neun luftig gewandete Musen umtanzten das vom Volksmund „Peggy“ getaufte Dichterross, Oberbürgermeister Walter Wallmann sprach, Volksschauspielerin Liesel Christ begoss das Ungetüm mit Ebbelwoi, ehe Kranführer Albert Liese das je vier Meter hohe, lange und breite, eine Tonne schwere Stück Kupfer millimetergenau an seinen Platz bugsierte.

„Ich war Anfang 30, gerade fertig mit dem Studium der Bildhauerei am Städel“, erinnert sich Hüter, 1948 in Seligenstadt geboren, in seinem Schmerlenbacher Atelier. „Es gab nur eine begrenzte Zahl Künstler, die eine so große Skulptur aus Kupferblech treiben konnten, alle älter als ich. Wir wurden eingeladen, das Gremium entschied sich für mich.“ Den Preis kann er nicht mehr beziffern, es sollen 130 000 oder 140 000 Mark gewesen sein.

Georg Hüter damals mit der Pegasus-Kopie ...

In Hüters Bekanntenkreis kam der Zuschlag nicht gut an. „Ich wurde in der Kneipe angehauen: Unmöglich, das ist doch für die Upperclass!“ Dennoch fertigte er in seinem Atelier im Frankfurter Gallusviertel ein Gipsmodell in halber Größe. Umgesetzt wurde der Entwurf freilich in Seligenstadt, und zwar von der Schlosserei Ruppel.

„Gebaut ist der Pegasus im Prinzip wie ein Flugzeug“, erläutert Hüter. Um das Gestell aus nichtrostendem Stahl kam eine Kupferhaut, ganze 0,08 Zentimeter dünn. Geschmiedet wurde das wie ein Topf, die Stabilität entstand – wie bei einem Ei – durch die Wölbung nach außen.

Gemäß Bürgerlichem Gesetzbuch musste sich Hüter vertraglich zu einer Fünf-Jahre-Garantie verpflichten, „also dass nichts abbricht oder wegfliegt“. Bis auf zwei, drei Schusslöcher, die unbekannte Vandalen dem Objekt zufügten, sei jedoch nie etwas passiert. Statt der typischen Patina, die sich im Lauf der Zeit entwickelt, zogen die Auftraggeber das ursprüngliche Braun vor. Hüter hätte Grün besser gefallen.

Von der Einhardstadt in die Mainmetropole gelangte das Flügelpferd per Schwerlasttransporter mit Überbreite. „Wegen der Oberleitungen, Überführungen und anderen möglichen Engpässe bin ich die Strecke vorher abgefahren“, erzählt Hüter.

... und heute in seinem Atelier. Repro/Foto: Terharn

Bis zum Alter von 16 Jahren wohnte Georg in der Altstadt, an der Steinheimer Straße, besuchte die Matthias-Grünewald-Schule, als sie neu war, später das Einhardgymnasium. Immer wieder zog es ihn in die Heimat zurück, auch nachdem er in Frankfurt ein günstiges Atelier mit kleiner Wohnung für sich, seine Frau und die zwei Kinder fand.

Seine heutige Lebens- und Wirkungsstätte im Spessart prägen wuchtige Skulpturen. Lieber als Metall nimmt Hüter Stein, gern hartes Material vulkanischen Ursprungs aus der Umgebung, „gerade weil es sich nicht leicht bearbeiten lässt“. Der Widerstand steigert sein Vergnügen beim Schaffensprozess.

Präsent ist Georg Hüters Œuvre in Ostfriesland, in den Niederlanden oder in Irland. Ebenso im Rhein-Main-Gebiet – etwa in Aschaffenburg und Frankfurt, wo er zudem mit mehreren Einzelpräsentationen und Ausstellungsbeteiligungen vertreten war.

VON MARKUS TERHARN

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