„Der Besitz war lebensgefährlich“

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Flugblätter sollen Leben retten: 160000 Exemplare des WG 43 wurden im März 1945 über Seligenstadt abgeworfen.   J Repro:

Seligenstadt - Sie sind zeitgeschichtlich sicherlich nur eine Randnotiz, militärhistorisch dagegen von außerordentlich großer Bedeutung: Flugblätter, von denen im Zweiten Weltkrieg in Europa schätzungsweise 20 Milliarden Stück hinter den feindlichen Linien abgeworfen wurden. Von Michael Hofmann

Auch über Seligenstadt, wie Recherchen des Hobbyhistorikers Georg Giwitz ergaben. „Kriegsflugblätter sind Druckschriften, die während eines Krieges von den jeweiligen Propagandaabteilungen der gegnerischen Mächte herausgegeben werden, um sie im Herrschaftsbereich des Gegners zu verbreiten. Bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts fanden vereinzelte Versuche statt, Propagandazettel mit Hilfe von Kanonen oder Ballonen in das feindliche Lager zu befördern und damit neben der Waffengewalt das Mittel der ,geistigen Kriegsführung‘ einzusetzen“, so definiert die Baden-Württembergische Landesbibliothek. Schon im Ersten Weltkrieg gab es besondere Abteilungen für den organisierten Einsatz von Kriegsflugblättern. Bei den Amerikanern war für Flugblatttexte und Rundfunksendungen die Abteilung „Office of war information“ (OWI) und bei den Engländern die „Political warfare executive“ (PWE) zuständig. Im Zweiten Weltkrieg warfen Flugzeuge über dem deutschen Reichsgebiet Flugblätter der Serie G (Germany) ab, angeblich fast 315 Millionen Stück.

Viele erreichten auch Seligenstadt. Das nach dem britischen Flugblattindex unter der Bezeichnung WG 43 mit der Überschrift „Drei Tonnen Sprengstoff“ geführte Flugblatt wurde vom 14. März bis 19. April in einer gedruckten Auflage von mehr als 14 Millionen Stück abgeworfen. Über Seligenstadt erstmals am 19. März 1945 mit einer Stückzahl von 80.000, ein zweites Mal am 23. März 1945, erneut in einer Stückzahl von 80.000 Exemplaren: „Flugzeuge können nicht immer rechtzeitig Anweisungen und Ratschläge an die Zivilbevölkerung abwerfen. In deinem eigenen Interesse, schalte daher Radio London, Moskau oder Luxemburg ein. Unterrichte Dich und Deine Nachbarn über die Warnungen, Befehle und Anweisungen der anrückenden alliierten Heere (...) Nein – diese Flugblätter sollen nicht Leben vernichten, sondern Leben retten.“ So lautet der Text auf der ersten Seite. Auf der Rückseite folgten Anweisungen an die Bevölkerung, um „den Krieg zu verkürzen und unnötiges Blutvergießen zu vermeiden: Meide die Gegend aller Fabriken, Durchgangsstraßen und Bahnlinien (...) Bringe Deine Familie rechtzeitig in Sicherheit (…) Entziehe Dich dem Volkssturm (…) Überzeuge die Soldaten von der Nutzlosigkeit ihres Opfers. Jetzt gilt es, sich für den Wiederaufbau zu erhalten.“

Damals gab es amtlicherseits keine Fundmeldung zum WG 43. Um diese Zeit (23. März 1945) wurde ein weiteres Flugblatt (ZG 93) über Seligenstadt abgeworfen mit einer Stückzahl von 75 000. Verfasst war es in kyrillischer Schrift und richtete sich an die russischen Fremdarbeiter und Kriegsgefangenen. Auch in diesem Fall gab es keine amtliche Meldung über das Auffinden einzelner oder mehrerer Exemplare. Eine Seite ist später auf einem Dachboden in einem Versteck gut erhalten entdeckt worden. Wäre der Finder zur damaligen Zeit erwischt worden, so hätte ihm eine Freiheitsstrafe wegen des Besitzes und der Weitergabe von feindlichen Flugblättern gedroht.

Einsammeln und Vernichten der unliebsamen Briefe aus der Luft hatten System: Die Behörden im nationalsozialistischen Deutschland trafen Maßnahmen gegen Feindpropaganda. Die Bevölkerung war gehalten, das Auftauchen von Flugblättern der Ortspolizeibehörde zu melden. Diese Meldung war an die zuständige Gestapo-Leitstelle weiterzugeben. Oftmals wurden Parteimitglieder, darunter auch die Hitler-Jugend, zum Einsammeln beordert. Aus dem Unterricht heraus wurden, auch in Seligenstadt, zudem Schüler zum Einsammeln und Vernichten der abgeworfenen Blätter abkommandiert. Die Feindpropaganda sollte in der Bevölkerung nicht wahrgenommen werden. Die eingesammelten Flugblätter wurden von der Polizei verbrannt – bis auf einige Muster.

Die Bevölkerung bekam das auch schriftlich. Unter dem Motto „10 Gebote gegen Feindpropaganda“ gab es klare Ausweisungen, eventuelle Funde abzugeben, Flüsterpropaganda zu vermeiden und eine Warnung: „Wer Feindpropaganda hört, liest oder sieht und sie dann weiterverbreitet, stellt sich in den Dienst des Feindes.“ Der Seligenstädter Georg Giwitz interessiert sich seit etwa 20 Jahren für diese Flugblätter, hat inzwischen einen ganzen Ordner voll zusammengetragen – Nachkriegs-Fundstücke vom Speicher, Zufallsentdeckungen und Sammlerobjekte. Dagegen ist der Potsdamer Horst Goltz (Jahrgang 1930) schon als Kind Sammler gewesen, hat sich früh mit Flugblättern beschäftigt. Er suchte bereits nach den Angriffen der Alliierten Flak- und Bombensplitter. Im Juni 1943 fand Goltz bei einem Rundgang sein erstes Flugblatt. Erschrocken knüllte er es zusammen und warf es in die Büsche. „Flugblätter der Alliierten zu besitzen, war lebensgefährlich…“, erzählt er, denn es war „Feindpropaganda“, so Goltz bei einem Vortrag der Landeszentrale für politische Bildung.

Bis 1944 erfolgte der Abwurf ungezielt. Bei den Luftangriffen wurden neben Brand- und Sprengbomben auch gleichzeitig Flugblätter abgeworfen. Die Flugblattbündel wurden von Hand aus dem Flugzeug geworfen oder einfach neben die Bomben gelegt und bei deren Abwurf mit freigegeben. Später wurden in den B 17- oder B 24-Bombern Vorrichtungen eingebaut, um die Flugblätter in 10.000 Metern Höhe abzuwerfen. In dieser großen Höhe wurden sie in alle Winde verteilt und erreichten eher selten das Gebiet, für das sie bestimmt waren. Um ein unkontrolliertes Verteilen zu verhindern, benutzte man schließlich Verpackungsbehälter von sogenannten Zielmarkierungsbomben. Diese Behälter waren aus Pappmaché. Man versah sie mit einem Uhrwerkzünder, der beim Abwurf aktiviert wurde, und sprengte die Flugblattbombe in 350 Metern Höhe in zwei Teile. Die Flugblätter konnten dann über dem gewünschten Ziel je nach Windstärke zur Erde flattern.

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