Die Freie Schule Seligenstadt-Mainhausen feiert 20-jähriges Bestehen

Neugier der Kinder erhalten

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Die Pause nutzen die Kinder der Freien Schule zum Spielen oder Aufgaben erledigen.  

Mainhausen - Die Unzufriedenheit mit dem Unterricht an staatlichen Schulen brachte 1995 vier Elternpaare zusammen, die sich überlegten, wie man Schule anders machen kann. Bis Konzepte erarbeitet und Genehmigungen erteilt waren, gingen drei Jahre ins Land. Nun feiert die Freie Schule 20-jähriges Bestehen. Von Oliver Signus

Visionen braucht es, sagt Andreas Horn vom Vorstand der Freien Schule. Da widerspricht er gerne dem früheren Bundeskanzler Helmut Schmidt, der bei Visionen einen Arztbesuch angeraten hatte. Die Eltern der Freien Schule bevorzugen dagegen ein Zitat des französischen Schriftstellers Victor Hugo: „Nichts ist stärker als eine Idee, für die die Zeit gekommen ist.“ Für die Freie Schule war die Zeit Mitte der 1990er Jahre gekommen, als sich vier Elternpaare - unzufrieden mit den Unterrichtsformen an staatlichen Schulen - zusammenfanden, um zu überlegen, was man anders machen kann. „Es ging unter anderem darum, die kindliche Neugier so lange wie möglich zu erhalten“, sagt Horn. Hingegen bestimmten Angst und Frust den Schulalltag vieler Kinder. In der Freien Schule sollen sich die Mädchen und Jungen „zu selbstständigen, selbstbewussten Menschen mit der Fähigkeit zur Reflexion entwickeln“, sagt Dr. Annette Gille, seit 2013 die erste hauptamtliche Leiterin der Schule. Gemeinsinn und soziales Engagement stehen hoch im Kurs. So werden zwei bis drei Jahrgänge zusammen unterrichtet. Stets kümmern sich zwei Pädagogen - einer ist jeweils ausgebildeter Lehrer - um die 20 bis 24 Kinder pro Klasse

Zu den Aufgaben der Kinder gehört beispielsweise das Planen der Mahlzeiten. An den Unterrichtstagen bereitet ein Team mehr als 100 Essen zu. Was auf dem Speiseplan steht oder was eingekauft werden muss, bestimmen die Kinder mit. Auch das Kochen lernen sie.Soziale Verantwortung entwickelt sich nicht nur bei den diversen Aktivitäten in der Schule, sondern auch bei den Jahrespraktika, die die Schüler beispielsweise in Altersheimen absolvieren. Positive Rückmeldungen gibt es auch von Firmen- oder Personalchefs, die Jugendliche während ihrer Betriebspraktika besucht haben.

Der Weg bis zur Eröffnung der Schule war nicht ohne Hindernisse, wie aus der Chronik zum 20-jährigen Bestehen hervorgeht. Nachdem die Initiatoren 1996 eine Anfrage beim Regierungspräsidium zur Gründung einer Freien Schule gestellt hatten, verzögerte sich die Genehmigung. Im Jahr darauf verschwanden Unterlagen, ein neuer Antrag musste gestellt werden. Die geplante Eröffnung zum 1. September 1998 stand auf wackeligen Füßen. Erst einen Tag bevor sich für elf Kinder die Pforten ihres ersten Unterrichtsraumes in der evangelischen Kirchengemeinde Seligenstadt öffneten, wird die behördliche Genehmigung zugestellt.

Die Schule wächst, und damit auch die Platzprobleme. 1999 erfolgt der Umzug auf ein ehemaliges Firmengelände in Klein-Welzheim. 2011 wird der Verein Eigentümer der alten Käthe-Paulus-Schule in Zellhausen. Doch auch dort ist es mittlerweile eng. Denn längst hat sich die Freie Schule etabliert und genießt einen guten Ruf. Mittlerweile besuchen 98 Jungen und Mädchen die Einrichtung. Den längsten Weg nimmt ein Schüler aus Büdingen auf sich. Die Nachfrage ist weiterhin groß, sagen Horn und der pädagogische Geschäftsführer Sebastian Kirchen. Vor allem in den vergangenen drei Jahren habe es vermehrt Zugänge durch „Quereinsteiger“ aus staatlichen Grundschulen gegeben.

Schulanfänger 2013 in Seligenstadt

Weiter wachsen sei unter den gegebenen Umständen kaum möglich: „Mit unserem Konzept stoßen wir an Grenzen“, sagt Horn. Zunächst steht die Verbesserung des Ist-Zustandes auf dem Plan. Für die Schüler soll ein Labor für Chemie und Physik eingerichtet werden. Ein weiteres Ziel sei die Prüfungsabnahme in den eigenen Räumen. Der Besuch der Freien Schule endet bislang mit Haupt- oder Realschulabschluss. Derzeit legen die Schüler ihre Prüfungen an der Heinrich-Böll-Schule in Rodgau ab.

Und wie bewähren sich die jungen Menschen, wenn sie weiterführende Schulen besuchen? Natürlich sei vieles neu, sagt Horn, aber sie freuen sich auch darauf, neue Erfahrungen zu machen. „Wir spielen ihnen ja keine heile Welt vor. Sie sind in Aufbruchstimmung, und sie können ins kalte Wasser springen, weil sie schwimmen können.“

 

Infos zum Angebot der Schule und den Jubiläumsveranstaltungen: www.freie-schule-seligenstadt.de.

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