„Frieden muss wachsen, das braucht Zeit“

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Pfarrer Martin Franke

Seligenstadt - Sein Auslandsvikariat hat Martin Franke in Argentinien verbracht, ein Jahr lebte er dort, seither lässt ihn der südamerikanische Kontinent nicht mehr los. Uruguay und Paraguay waren Ziele, und demnächst kommt mit Kolumbien ein weiteres hinzu. Von Oliver Signus

Doch reist der 41-Jährige, der seit gut eineinhalb Jahren Pfarrer der evangelischen Kirchengemeinde Seligenstadt/Mainhausen ist, nicht als Tourist dorthin. Franke gehört als einziger Deutscher einer zehnköpfigen Delegation des Internationalen Versöhnungsbundes an, der sich für gewaltfreie Lösungen bei Konflikten einsetzt. Die Reise führt die Gruppe über Bogotà und Medellin in den Nordwesten des Landes. „Dort haben sich die Dörfer von San Josè de Apartadó zu Friedenskommunen zusammengeschlossen“, berichtet der Seelsorger, der die Menschen in ihrem Alltag begleiten wird - von der Feldarbeit über den Einkauf bis hin zu den Mahlzeiten. „Die Reise dient der Solidarität mit den Leidtragenden im seit Jahrzehnten währenden Bürgerkrieg“, sagt er. Außerdem wird Franke Sozial- und Menschenrechtsprojekte besuchen und mit Militärs, Bauern sowie Kriegsdienstverweigern sprechen. Sprachbarrieren gibt es nicht, der Pfarrer spricht Spanisch und Englisch.

Mitten im Bürgerkriegsgebiet friedlich leben

Der Internationale Versöhnungsbund betreut in Bogotà und Medellin Straßenprojekte. Seit 2006 begleiten vier Freiwillige aus Österreich und den USA sowie regelmäßige Besuchsgruppen die Friedenskommune von San José de Apartadó. „Durch den Zusammenschluss ihrer Dörfer wehren sich die Bewohner gegen die Vertreibung von Kleinbauern von dem fruchtbaren Land“, erläutert Franke. Mitten im Bürgerkriegsgebiet wollen sie ohne Waffen und Drogen leben. Sie arbeiten weder mit der linksgerichteten Guerilla FARC noch mit den rechtsgerichteten Bürgerwehren (Paramilitärs) zusammen. „Der wichtigste Schutz gegen Übergriffe ist für sie nicht der Staat, der vielfach in die Konflikte verwickelt ist, sondern weltweite öffentliche Aufmerksamkeit“, fährt der Seelsorger fort. Das Projekt der Friedenskommune ist stellvertretend für rund 50 weitere mit dem Aachener Friedenspreis 2007 ausgezeichnet worden.

„In Kolumbien prallen nicht nur die Gegensätze zwischen arm und reich besonders hart aufeinander“, sagt Franke, der auch Ökumene-Beauftragter des Evangelischen Dekanats Rodgau ist. „Deutlich wird auch, dass es nicht nur eine Wahrheit und nicht nur eine Ursache der Konflikte gibt.“ Neben den sozialen Unterschieden zwischen Kleinbauern und Großgrundbesitzern spielten die Nachfrage nach fruchtbarem Land und Bodenschätzen, sowie Drogen und strategische Interessen der USA in Lateinamerika eine Rolle. Je nach eigenem Interesse werde in Berichten der Konflikt anders beschrieben.

Staudinger nutzt Steinkohle aus Kolumbien

Auch Europa ist laut Franke an diesen Auseinandersetzungen beteiligt: „Das in Kolumbien angebaute Kokain wird hauptsächlich in den USA und Europa gekauft und konsumiert.“ Ebenso spielten wirtschaftliche Interessen eine Rolle: „Das Kohlekraftwerkt Staudinger in Groß-Krotzenburg wird zu einem Drittel mit Steinkohle aus Kolumbien befeuert, wie uns Gewerkschafterinnen und Brot-für-die-Welt-Mitarbeiterinnen in Seligenstadt berichteten“, erzählt Franke. „Wer den Ausbau von Kohlekraftwerken in Deutschland befürwortet, trägt nicht zum Ende der Vertreibungen und mehr Frieden in Kolumbien bei“, meint er daher.

Dass kurzfristig Frieden in der Region geschaffen werden kann, glaubt Franke nicht. Persönlich gehe es ihm bei diesem etwa zwei Wochen währenden Besuch auch darum, Ideen zu entwickeln, wie man aus gewalttätigen Konflikten wieder herauskommen könne. „Frieden muss wachsen. Das braucht Zeit.“

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