Der 64-Jährige berichtet von seiner Zeit beim RTL-“Strafgericht“

Früher TV-Richter, heute Amtsgerichtsdirektor: Ulrich Wetzel arbeitet seit zehn Jahren in Seligenstadt

Ulrich Wetzel war früher Fernseh-Richter bei RTL, heute ist er Direktor des Amtsgerichts.
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Ulrich Wetzel war früher Fernseh-Richter bei RTL, heute ist er Direktor des Amtsgerichts.

Ulrich Wetzel zählt zur Riege der TV-Richter, die vor rund zwei Jahrzehnten etliche Zuschauer vor die Fernseher lockten. Sieben Jahre lang fällte er in fiktiven Fällen das Urteil, anschließend zog es ihn nach Seligenstadt: Hier ist er seit zehn Jahren Direktor des Amtsgerichts. Auf Fans trifft er noch immer.

Seligenstadt – Ja, er würde es wieder tun. Ulrich Wetzel zögert nicht mit der Antwort auf die Frage, ob er sich noch einmal für die TV-Karriere entscheiden würde. Seine Erinnerungen an die RTL-Sendung „Das Strafgericht“, in der er von 2002 bis 2008 den Richter mimte, teilt der Seligenstädter Amtsgerichtsdirektor noch immer gerne.

In seinem Büro lehnt ein Harley-Davidson-Schild am Fensterrahmen, etwas versteckt in einer Ecke am Boden ein Porträt, das ihm ein treuer Fan vor rund drei Jahren geschickt hat. Es zeigt Wetzel in seiner Fernsehrolle, mit schwarzer Richterrobe, die Haare noch etwas länger und dunkler. „Es war ein Boom, der auch lange anhielt“, sagt der 64-Jährige mit Blick auf die Gerichtssendungen, die in den 2000er Jahren die Zuschauer begeisterten. Fiktive Fälle nach Drehbuch wurden hier verhandelt, „das Urteil habe ich aber selbst geschrieben. Das war mir auch wichtig. Ich verkünde keine Entscheidung, hinter der ich nicht selbst stehe“, so Wetzel.

Seit zehn Jahren trifft er in Seligenstadt die Entscheidungen, zum einen als Richter in Familiensachen, zum anderen als Direktor in Verwaltungsfragen. Der nahe Kontakt zu seinen Mitarbeitern ist Wetzel wichtig. Die familiäre Atmosphäre und das eingespielte Team sind auch ausschlaggebend dafür, dass es ihn in Seligenstadt gehalten hat. „Der Laden läuft einfach“, sagt er. Fünf Richter und rund 40 Mitarbeiter sind derzeit für das Amtsgericht tätig, verhandelt werden Zivil-, Straf- und Familiensachen. „Nicht zu vergessen die Bußgeldverfahren wegen Verkehrsordnungswidrigkeiten“, ergänzt Wetzel. Eilige Verfahren wie Kindschaftssachen haben derzeit Priorität, andere werden aufgrund der Pandemie vertagt. Corona habe zwar wenig Einfluss auf die Art der Fälle, bringe aber neue Aspekte mit sich, die bei der Rechtssprechung Beachtung finden müssten. „Corona wird dann argumentativ herangezogen. Da gibt es zum Beispiel den Mann, der Unterhalt für das Kind oder die getrennt lebende Ehefrau zahlen muss, dies aber wegen Kurzarbeit nicht kann“, erklärt der Richter.

Die Kindschaftssachen beschäftigen ihn auch über die eigentliche Arbeitszeit hinaus. Meistens geht es um Sorgerechtsfragen, sehr selten müssen Missbrauchsfälle verhandelt werden. „Das nimmt man mit nach Hause“, sagt Wetzel. Seine Frau, mit der er in Offenbach lebt, ist bei seiner Urteilsfindung für das „Bauchgefühl“ zuständig. Sie hat drei mittlerweile erwachsene Kinder mit in die Ehe gebracht, der Richter schätzt ihren Rat als Mutter.

Wetzel, in Ingolstadt geboren, stammt aus einer Juristenfamilie. Der Großvater war Amtsgerichtsrichter in Ingolstadt, der Vater Rechtsanwalt und Notar. In der Kanzlei half Wetzel schon als Jugendlicher aus. Fürs Jurastudium entschied sich auch seine Schwester Susanne Wetzel, heute Präsidentin des Landgerichts Hanau.

„Besonders mein Vater als Jurist alter Schule war zu Beginn der TV-Karriere skeptisch“, erzählt Wetzel. Ein Besuch in den Kölner Studios konnte die Familie aber milde stimmen. „Ich habe mich da nirgendwo beworben“, sagt Wetzel über seinen Abstecher zum Fernsehen. Er war gerade als Richter am Amtsgericht Frankfurt tätig, dort auch für die Referendar-Ausbildung zuständig. Ein Ex-Referendar, mittlerweile Anwalt in München im Bereich Medienrecht, meldete sich bei ihm: Eine Produktionsfirma suche jemanden für die Rolle des Richters in einem TV-Format. „Er dachte sofort an mich und fragte, ob er meinen Namen weitergeben dürfe. Ich habe zugesagt – nichtsahnend, was da auf mich zukommt“, erzählt Wetzel.

Das Kamerateam stand wenig später auf der Matte, Probeaufnahmen wurden gedreht, und RTL gab grünes Licht für eine Pilotfolge. In wechselnder Besetzung – nur Juristen, keine Schauspieler – wurde ein Fall gefilmt, das Material ging anschließend in die Marktforschung. Und schon lagen die Verträge für „Das Strafgericht“ auf dem Tisch. „Dann musste ich abwägen. So eine Chance bekommst du nur einmal im Leben. Weil ich leidenschaftlich als Richter arbeite, wollte ich aber auch wieder zurückkommen können“, sagt Wetzel. Vom Justizministerium erhielt er die Zusage, nach der TV-Show wieder eingestellt zu werden. „Dass ich anschließend Jahr für Jahr um Verlängerung würde bitten müssen, habe ich nicht vorhergesehen.“ Auch der Geldbeutel freute sich: „Das wurde natürlich besser bezahlt als der Richterdienst.“

Nicht alles, was im Drehbuch stand, wollte Wetzel den Produzenten auch durchgehen lassen. „Einmal sollte ein Lügendetektortest während der Verhandlung gemacht werden. Das ist in Deutschland einfach nicht zulässig“, nennt er ein Beispiel. Schließlich sanken die Quoten, das Format der Pseudo-Doku verlagerte sich in andere Bereiche, die kostengünstiger produziert werden konnten.

„Die Rückkehr ins normale Berufsleben war völlig unproblematisch“, sagt Wetzel. Am Amtsgericht Friedberg verhandelte er wieder Strafsachen, „die Materie war also die gleiche“. Die Suche nach einer Beförderungsstelle führte ihn schließlich nach Seligenstadt, dort wurde schon länger jemand für den Posten des Amtsgerichtsdirektors gesucht.

Seine berufliche Karriere wird Wetzel auch in Seligenstadt beenden. Im Spätsommer 2022 steht die Pensionierung an. Er könnte sich vorstellen, seine Tätigkeit als Mediator fortzuführen – oder auch mal etwas ganz anderes zu probieren. „Zwei linke Hände habe ich nicht“, sagt der 64-Jährige, der eine Leidenschaft für Oldtimer, Autos und Motorräder pflegt. Zur Arbeit fährt er auf seiner alten Harley. Das Windsurfen, gekoppelt mit Reisen an exotische Ziele wie Barbados, Brasilien und Tobago, zählt zu weiteren Hobbys. „An der Ostsee war es im vergangenen Jahr aber auch ganz schön!“

Aktiv auf der Suche nach einer neuen TV-Rolle war Wetzel nie. „Ich bin ja kein Schauspieler“, sagt er. Weitere Anfragen gab es jedoch, auch wenn diese im Sande verliefen. Als 2013 ein Richter gesucht wurde, der für ein TV-Format als Mediator in Konfliktsituationen tätig werden sollte, waren die Verträge schnell unterschrieben. Nach einem Wechsel an der Führungsspitze der verantwortlichen Sendergruppe wurde aber alles wieder auf Eis gelegt.

Auf das „Strafgericht“ wird Wetzel immer mal wieder angesprochen. Seinem Ansehen als Richter habe die Sendung nicht geschadet, sagt er. „Ich wurde immer ernst genommen. Die Fernsehrolle kam auch nie während einer Verhandlung, sondern immer erst danach zur Sprache.“ Manche Begegnungen machen ihn auch stolz. Ein Kollege machte ihn kürzlich mit einer neuen Referendarin bekannt. Ulrich Wetzel müsse man ihr nicht vorstellen, sagte sie – er sei der Grund, warum ihre Generation Jura studiert habe.

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