Heimkehr der Glocken vor 70 Jahren:

Fünf Jahre ohne Geläut

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Ankunft der heimkehrenden Glocken am Nachmittag des 16. Juli 1947 auf dem Seligenstädter Marktplatz. Eine große Menschenmenge hatte den Autokorso begleitet.  

Seligenstadt - Zum 70. Jahrestag der Heimkehr der Glocken organisiert die Seligenstädter Pfarrei Sankt Marcellinus und Petrus am morgigen Sonntagabend von 19. 45 bis 20 Uhr ein sogenanntes Plenum-Läute.

Als weitere Initiative der damit betrauten Glockenfreunde schließen sich die Teilnahme am historischen Altstadtfest des Heimatbunds (11. /12. August) sowie das traditionelle Glocken- und Orgelkonzert im Rahmen des Erzengelfests (30. September) an. Für die Bewohner der historischen Altstadt Seligenstadts sind Glocken die klingenden Begleiter durch das Jahr. Sie kennen das Angelus-Läuten am Morgen, Mittag und Abend, das Läuten zur Taufe, zum Gottesdienst, Requiem, das Beerdigungsläuten, das Wandlungsläuten. Zu besonderen Anlässen erklingt das eher seltene „Plenum“. Am Sonntagabend, 19.45 Uhr, ist dieses „Plenum“ mit allen Glocken der Einhardbasilika zu hören. Es erinnert an den 70. Jahrestag der „Heimkehr“ der Basilika-Glocken am 17. Juli 1947.

Die Glockenfreunde um Hans-Joachim Lutz haben die wechselvolle Geschichte der Seligenstädter Glocken zusammengetragen: Im 20. Jahrhundert war die katholische Kirchengemeinde sowohl zum Weltkrieg I als auch beim Weltkrieg II von einer Glocken-Konfiszierung für die Rüstungsproduktion betroffen. Schmerzlich erinnern sich Seligenstädter Zeitzeugen an den Nachmittag des 30. April 1942, jenen Tag, an dem die Basilika-Glocken zum letzten Mal läuteten. Danach holten Zimmerleute und Maurer die Kirchenglocken aus den Türmen, auch die Rathausglocke wurde konfisziert. Die Glocken wurden an einen unbekannten Ort gebracht. Glocken aus allen Regionen des Deutschen Reichs war das gleiche Schicksal beschieden: Sie wurden zur Metall-Reserve für die Rüstungsindustrie Nazi-Deutschlands. Für die Stadt Seligenstadt begann eine mehr als fünf Jahre andauernde Zeit ohne Glockengeläut.

Auf wundersame Weise überstanden die Basilika-Glocken den Zweiten Weltkrieg. Im Jahr 1946 wurden sie in der britischen Besatzungszone auf einem „Glockenfriedhof“ in Hamburg aufgefunden und als die Seligenstädter Basilika-Glocken identifiziert. Nach Freigabe durch die britische Militärregierung übernahm die Glockengießerei Gebrüder Rincker in Sinn im Auftrag der Diözese Mainz die Rückführung der Glocken nach Seligenstadt.

Es sollte allerdings noch ein halbes Jahr ins Land ziehen, bis die Glocken im Hanauer Hafen ankamen. Ein Konvoi aus fünf großen Lastkraftwagen – allesamt von Seligenstädter Firmen bereitgestellt – brachte die wertvolle Glockenfracht, bestehend aus den Basilika-Glocken, der Rathaus-Glocke sowie einer Welzheimer Kirchenglocke am Nachmittag des 16. Juli des Jahrs 1947 heim nach Seligenstadt.

Die Heimkehr der mit Kränzen, Blumen und Fahnen geschmückten Glocken wurde als Festtag begangen. Eine große Menschenmenge begleitete den Autokorso zum Marktplatz, wo Bürgermeister Dr. Neubauer mit den Stadträten die Prozession begrüßte. Vom Marktplatz ging es weiter zur Einhardbasilika. Stadtpfarrer Philipp Lambert und der Chor der Basilika nahmen in einer unvergesslichen Feier die heimgekehrten Glocken in Empfang. Im Nachkriegsjahr 1947 wurden die Glocken in den Basilika-Türmen wieder in Dienst gestellt.

Die Glockenfreunde sind eine Gruppierung an der Pfarrei Sankt Marcellinus und Petrus. Sie fühlen sich der Pflege der Glocken-Kultur in der Stadt in besonderem Maße verpflichtet. Im Glockenfreunde-Organisationsteam sind Thomas Knapp, Hans-Joachim Lutz, Joachim Rühl und Heinz Wenzel aktiv. Eine Konstante im Jahres-Veranstaltungskalender ist das traditionelle Glocken- und Orgelkonzert der Glockenfreunde Seligenstadt am 30. September (20 Uhr). Zum Konzert, das eingebettet in das Erzengelfest der Pfarrgemeinde Sankt Marcellinus und Petrus ist, gehört die uralte Tradition des Glocken-Beierns, ergänzt durch Variationen an der Wilbrand-Orgel. Die Übertragung aus den Glockentürmen der Einhard-Basilika sowie vom Orgeltisch erfolgt auf eine Großprojektions-Leinwand an der Kirchenplattform. (mho)

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