Wenn Sprache der Bewusstseinserweiterung dient

Zu Gast bei „Skriptorium“: Wie Schiffe auf hoher See

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Worte können Zauberformeln sein (v.l.): Sven Buchsteiner, Kirsten Berlin, Bernhard Bauser und Peter Jabulowsky (stehend).

Seligenstadt -  „Im November haben wir angefangen, zu viert, jetzt sind wir 15“, beschreibt Sven Buchsteiner den Umfang des „Seligenstädter Skriptoriums“. Von Reinhold Gries

Mit Bernhard Bauser hatte er die Idee zum monatlichen Schreib-Workshop, der in der Einhardstadt eine kreative Tür für Leute aufstieß, die es zur Schriftsprache drängt. Ein Skriptorium gab es im Kloster ja schon im Mittelalter. Die Schreiber von heute haben eher neuzeitliche Vorstellungen. So hat das Seligenstädter Skriptorium-Projekt auch kritische Hintergründe, die Peter Jabulowsky formuliert: „Es gibt eine Minderbewertung des Wortes, alles und jedes wird in Bilder umgesetzt, Sprache wird oft durch Bilder ersetzt. Dabei dient Sprache der Bewusstseinserweiterung…Wer hört denn heute noch Hörspiele im Radio?“ Offensichtlich geht es für ihn hier um ein menschliches Kultur-Grundbedürfnis, das zu wenig befriedigt wird.

Buchsteiner dazu: „Wenn wir uns – jetzt im Seligenstädter Buchladen – treffen, haben wir immer ein Thema. Mit dem setzt sich jeder auf seine Weise und in seinem Stil auseinander, geht oft tief in sich. Dann hören wir uns gegenseitig zu und kritisieren oder unterbreiten Vorschläge, das bringt uns ohne Druck weiter…Diese Abende in unserem geschützten Rahmen haben für mich etwas Erhebendes, ich fühle mich danach für Wochen von dessen Inhalten beseelt.“ Oft kommt es dabei vor, dass Lyrik entsteht. Wenn man sie – auch die „Konkrete Poesie“ – auf sich wirken lässt, merkt man: Hier geht es nicht um Abgehobenes, Elitäres. Die Schriftsteller wollen mit ihren Texten berühren und verstanden werden – was man bei manch moderner Literatur vermisst.

Literatur-Moderator Bauser blickt Richtung Offenbach: „Wir haben uns von der literarischen Szene dort inspirieren lassen, zum Beispiel von Ingrid Walter und der ,Literatur zur Werkzeit’. Auch im Kunstverein oder bei den Offenbacher Kunstansichten gibt es immer wieder literarische Texte und Lesungen.“ Bei diesen Kunstansichten hatte schon die Künstlerin Kirsten Berlin mit ihrer Installation im Turm der alten Schlosskirche beeindruckt, jetzt macht sie beim Skriptorium mit: „Wir finden uns mit der vorgefertigten Sprache nicht ab. Man muss wieder zurückfinden zur Wort-Magie, die uns verloren gegangen ist. Worte können Zauberformeln sein, um Inneres aufzuschließen.“

Ex-Ingenieur Jabulowsky illustriert das an seiner Spracharbeit: „Während des Berufsstresses kam ich nicht richtig zum Nachdenken über mich und die Welt. Wenn ich in unsere Gruppe arbeite und mit Worten als Material experimentiere, bricht bei mir oft ein Stück harter Schale weg, mein Horizont weitet sich. Unsere Texte werden so Spiegel des Inneren.“ Noch poetischer die Beschreibung Bausers: „Texte sind oft wie Schiffe auf hoher See. Wir versuchen, mit unseren Texten auch Anker auszuwerfen.“

Die durchaus heitere Gesprächsrunde bringt es auf den Punkt: Literatur schaffen ist für die Schreiber Lebensbedürfnis, Schreiben kann glücklich machen, man lernt die Sprache lieben. Das geht deshalb so gut im Seligenstädter Skriptorium, dessen Mitglieder von Nidderau bis Haibach im Spessart kommen, weil man sich duzt und vertraut.

Das gemeinsame Werkeln an Sprache verbindet, übrigens auch Schreiber und Leser. Wer das vor Ort erleben will, dem sei die Steinheimer Ausstellung „Kunst im Park“ am Wochenende 9./10. September, im Schlossgarten empfohlen, wo Skriptorium-Mitarbeiter ihre Texte am Samstag, 15 bis 16 Uhr, 17 bis 18 Uhr, sowie am Sonntag, 16 bis 17 Uhr, in performativer Form an ihrer Zuhörer bringen wollen. Wort-Bilder neben gemalten Bildern, das klingt spannend. „Wir machen ein gutes Programm dafür“, kündigt Bauser an.

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