„Weibliche Hormone im Wasser“

Seligenstadt - Rückstände von Arzneimitteln im Abwasser stellen eine Gefahr dar. Das sagen die Grünen und fordern eine Untersuchung der Wirkstoffe. Die Stadt hält die hohen Kosten dagegen. Von Jörn Polzin

Panikmache oder reale Bedrohung? Purer Aktionismus oder überfällige Reaktion? Bis zur endgültigen Klärung dieser Fragen dürfte noch einiges Abwasser die Klärwerke entlang fließen. Doch genau an der Qualität jenes Wassers scheiden sich die Geister.

Der zuletzt häufig zitierte Chemie-Cocktail, der über die Kanalisation die Kläranlagen erreicht, stelle eine Gefahr für die Umwelt dar, monieren die Seligenstädter Grünen. Gemeint sind vor allem die Arzneimittelrückstände. Bis zu 60 Prozent der Wirkstoffe eines Medikamentes bleiben nicht im Körper, sondern landen in der Toilette. Und folglich in der Kläranlage. Sie stehen im Verdacht, bei Fischen oder Fröschen biologische Veränderungen hervorzurufen.

Bedrohung, die nicht überall wahrgenommen wird

Eine Bedrohung, die noch nicht überall wahrgenommen werde, erläutert Peter Störk, Vorsitzender des Umweltausschusses, für die Grünen. Dabei seien gerade Standorte wie Seligenstadt mit einer großen Klinik und Seniorenheimen besonders betroffen.

Deshalb setzt sich die Fraktion der Grünen für einen Abwassertest auf Arzneimittelrückstand ein. Dass dieser Antrag dem Plenum noch nicht zur Abstimmung vorgelegt wurde, führt Störk auf den Zeitpunkt zurück. „Wir wollen die Ergebnisse aus Langen abwarten und dann entscheiden wie wir fortfahren.“

Dort hatten die Verantwortlichen des Abwasserverbandes Langen/Egelsbach/Erzhausen in Zusammenarbeit mit der Technischen Universität Darmstadt und mit finanzieller Unterstützung des Landes eine Versuchsanlage in Betrieb genommen, um herauszufinden, wie der Chemie-Cocktail aus dem Abwasser herausgefiltert werden kann. Dabei handelt es sich um winzig kleine Mengen von Rückständen von Arznei,- aber auch von Haushalts- und Pflegemitteln. In Deutschland werden jährlich mehr als 30.000 Tonnen mit knapp 3000 verschiedenen Wirkstoffen verkauft. Kostenpunkt für die Versuchsreihe in Langen: 270.000 Euro.

„Sehr aufwändige Untersuchung“

Erste Stadträtin Claudia Bicherl macht den Grünen wenig Hoffnung. In die Kristallkugel könne sie zwar nicht schauen, aber die „sehr aufwändige Untersuchung“ erfordere hohe Kosten. Von knapp 100.000 Euro ist die Rede. „Da muss man sich schon fragen, ob wir als Stadt das aufbringen können“, so Bicherl.

Der Haushalt - zumindest für dieses Jahr - gebe eine solche Investition nicht her. Zumal mit der Untersuchung, die 42 Proben an sechs verschiedenen Stellen umfasst, längst nicht das Ende der Fahnenstange erreicht sei. Es benötige eine Reihe weiterer Verfahren, die eine Menge Geld kosten. „Im Notfall müssten wir die komplette Kläranlage umbauen“, betont Bicherl. Solange das Regierungspräsidium in Darmstadt keine Untersuchung anordnet, stehe man nicht in der Pflicht. Vorerst folge man also der Devise: Alles kann, nichts muss.

Gesundheitlichen Folgen

Das sieht Peter Störk freilich anders. Neben den gesundheitlichen Folgen („Ich habe eigentlich keine Lust, weibliche Hormone im Leitungswasser zu haben“) hält er die Kosten von 100.000 Euro für „völlig überzogen“. Man müsse ja nicht gleich alle der rund 3500 Wirkstoffe untersuchen. Es reiche völlig aus, fünf bis sechs ausgewählte Proben zu entnehmen und die entsprechenden Werte zu ermitteln. „Die Analyse eines Wirkstoffes kostet etwa 1000 Euro, damit würden wir deutlich unter der veranschlagten Summe bleiben“, sagt Peter Störk. Von einem Experten hat sich der Seligenstädter bereits eine Liste mit Wirkstoffen besorgt. Wichtig sei es, stabile Substanzen zu untersuchen, die gut nachweisbar sind - wie etwa Beruhigungsmittel.

Noch ist alles Theorie. Störk hofft, dass im August, spätestens im September, Schwung in die Angelegenheit kommt. Dann liegen die Ergebnisse aus Langen vor. „Wir werden unser Vorgehen auf diese Auswertung stützen. Dann sehe ich gute Chancen“, kündigt Störk an.

Rubriklistenbild: © dpa

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