Gemarkungsrundgang in Mainhausen

Musik aus der Zahnplombe

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Joachim Göringer (2.v.r.) vom Planungsbüro für Stadtebau (Groß-Zimmern) erläuterte die geplante Standortzusammenführung von Höfling. Rechts Höfling-Geschäftsführer Erik Ulrich.

Zellhausen - Kilometer galt es nicht zu machen beim Mainhausener Gemarkungsrundgang am Samstagvormittag. Von Sabine Müller 

Doch die Ausführungen der Fachleute zu Sendefunkstelle, Naturschutzgebiet und Betriebskonzentration der Höfling im Zellhäuser Gemeindewald waren so interessant, dass die Teilnehmenden dennoch fast drei Stunden unterwegs waren. Etwa 80 Personen haben sich um 10 Uhr am Parkplatz vor dem Gelände des Hundesportvereins Zellhausen versammelt. Wanderstiefel und Sportjacken wären nicht notwendig gewesen, dagegen erweist sich die Sonnenbrille von Vorteil. Zunächst geht es vorbei an blühenden Löwenzahnwiesen zum Gelände der ehemaligen Sendefunkstelle Zellhausen, die viele Jahre ein Streitpunkt in Mainhausen war. Jetzt herrscht Funkstille, aber die Zaunanlage ist etwa im Zufahrtsbereich noch erhalten. Jörg Nachtigall vom Umweltamt klärt auf: Die Firma Media Broadcast ist als derzeitige Pächterin zwar verpflichtet, auch die Zäune zu entfernen, doch die Naturschutzbehörde fordert, diese sollten zum Schutz des Flora-Fauna-Habitats teilweise bestehen bleiben. „Wir haben uns aber geweigert, für den Unterhalt des Zaunes verantwortlich zu sein“, sagt Bürgermeisterin Ruth Disser, die dies ans Regierungspräsidium Darmstadt delegiert hat.

Über weichen Waldboden geht es zu einer Lichtung: „Besenheide, Ginster und Großer Wiesenknopf wachsen hier“ zählt Revierleiter Hans-Albert Kaspar einige der schützenswerten Pflanzen auf. Mainhausen verfügt über 160 Hektar FFH-Gebietsfläche, verteilt auf drei Standorte. Neben den Schafen sorgen die Landwirte für den Erhalt des Sandmagerrasens, sonst würde er bald von Kiefern und der Traubenkirsche überwuchert. In unmittelbarer Nachbarschaft steht ein Lärchenhain, der vor 60 Jahren gepflanzt wurde; die Bäume sind mit jeweils einer Nummer gekennzeichnet. „Sie kommen aus der Rhön, dem Alpenraum und Norddeutschland – die genetische Vielfalt der europäischen Lärchen-Arten ist hier komprimiert“, berichtet Kaspar über das forstwirtschaftliche Experiment. Dann erreicht die Gruppe das Flurstück mit den heruntergekommenen ockergelben Bauten der ehemaligen Sendefunkstelle. Rundstrahler, Steilstrahlantenne, Betonfundamente und unterirdische Kabelstränge wurden bereits entfernt. Bürgermeisterin Ruth Disser ist „heilfroh“ über den Rückbau der Sender, sagt: „Wenn jetzt noch die Betriebsgebäude weg sind, ist ein Kapitel abgeschlossen, das nicht rühmlich war.“

Die Mittelwelle spielte beim Aufbau des Radios in Deutschland eine große Rolle. Jetzt werden die letzten MV-Programme wegen der teuren, veralteten Technik eingestellt. Dr. Ludwig Stenger (Geschichts- und Heimatverein) blickt zurück ins Jahr 1966, als dort die erste Reusenantenne errichtet wurde. Mitte der 90er meinten viele, dass die mit hoher Leistung betriebene Sendeanlage keine strahlende sondern eine gesundheitsgefährdende Zukunft verheiße. Als publik wurde, der Gefährdungsbereich reiche bis zur Bebauung von Zellhausen, beließen es die Bewohner nicht beim Galgenhumor – „da kommt Musik aus der Zahnplombe“ – sondern gründeten 2001 eine Bürgerinitiative. Die Gemeinde versuchte, aus dem Vertrag mit der Telekom herauszukommen, klagte vor dem Landgericht Darmstadt. Doch erst Ende 2011 kündigte der Evangeliums-Rundfunk als letzter Nutzer. Die Gebäude sind jedoch laut Verwaltungschefin Disser an einen Erbbaupachtvertrag gekoppelt, der noch 50 Jahre läuft. Mainhausen müsste sie dann selbst abbrechen: „Bis zu 100.000 Euro sind dafür kalkuliert, dagegen stehen Pachteinnahmen von rund 1000 Euro jährlich. Besser, die Telekom entsorgt sie schon jetzt und wir bekommen wieder ein Naherholungsgebiet.“ Da die Telekom dafür Ökopunkte erhält, hat sie eingewilligt. Jetzt wird mit den Naturschutzbehörden verhandelt. „Ende des Jahres könnte der Abriss beginnen, im kommenden Frühjahr sind die Gebäude dann weg“, kündigt Jörg Nachtigall an.

Der Rundgang endet an der Sandgrube Höfling, wo Geschäftsführer Erik Ulrich vor Bauschutthalden wartet. Er stellt die Aufbereitungsanlage für mineralische Baustoffe vor – „60.000 Tonnen werden jährlich umgesetzt“ - deren Recyclingprodukte im Wege- und Straßenbau verwendet werden und berichtet von den Plänen, den Entsorgungsstandort vom Zellhäuser Ostring an die Sandgrube zu verlegen: „Es soll ein Betrieb werden.“ Die Bürgermeisterin sieht Vorteile: „Die Anwohner der Sudetensiedlung würden entlastet, die Gewerbegebietsfläche dahinter könnte erweitert werden.“ Skeptischer Einwand aus der Gruppe: Dann fließe aber der Transportverkehr durch Zellhausen zur Sandgrube. Die Fachleute erklären: Der erste Entwurf des Bebauungsplanes, der derzeit erstellt werde, beinhalte neben den artenschutzrechtlichen Aspekten auch ein verkehrstechnisches Gutachten.

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