Kinder über Gefahren aufklären

Giftpilze auf Spielplätzen in Seligenstadt

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DGfM-Pilzsachverständiger Jochen Janzer: Es gibt wohlschmeckende Alternativen zu seltenen Speisepilzen wie Steinpilz oder Pfifferling.

Seligenstadt - Zum großen Einmaleins für Pilzsucher gehören auch fundierte Kenntnisse über Giftpilze. Das wird bei zwei Funden auf Spielplätzen mitten in Seligenstadt deutlich. Von Michael Hofmann 

Der Mainhausener Pilzsachverständige Jochen Janzer appelliert zudem an Sammler, bei seltenen Speisepilzen wie Steinpilz oder Pfifferling Maß zu halten.

Groß war dieser Tage der Schreck, als Pilze ihre verdächtig roten Hauben auf der Spielplatzwiese an der Schumannstraße im Seligenstädter Wohngebiet Silzenfeld zeigten. „Fliegenpilze und andere giftige Pilze“ diagnostizierten aufmerksame Anwohner und informierten umgehend das Ordnungsamt: „Solche Pilze sollten auf einem Kinderspielplatz auf keinen Fall anzutreffen sein.“ Das Ordnungsamt der Stadt reagierte, entfernte die Störenfriede. Bürgermeister Dr. Daniell Bastian schränkte jedoch gestern ein: „Bei allem Verständnis - es ist völlig unmöglich, dass wir ständig alle Plätze nach Pilzen untersuchen.“

In einem zweiten Fall informierte die Kita Wilde 13 den Mainhausener Pilzexperten Jochen Janzer. Der Fachmann bestätigte die Giftpilz-Diagnose der Erwachsenen, die ihr Areal nun regelmäßig überprüfen. Sein Tipp - über den konkreten Fall hinaus: „Wenn Kinder in der Nähe sind, dann die Gelegenheit nutzen und sie unbedingt über die Kennzeichen dieser Pilze aufklären und natürlich die Gefahren verdeutlichen. Danach diese Pilze vorsichtig entfernen.“ Mit „vorsichtig“ meint Janzer auch vorsichtig. „Auf keinen Fall mit dem Messer abschneiden, stattdessen mit der Hand herausdrehen.“ Dies vor allem aus zwei Gründen: Zum einen erschwert oder verhindert der Messereinsatz die Bestimmung eines Pilzes, weil neben Aussehen, Form, Farbe, Geruch oder Lamellen auch der Verlauf des Stamms und die Wurzel Unterscheidungskriterien sind. Bestes Beispiel: die Verwechslungsgefahr von Wiesenchampignon und Knollenblätterpilz.

Andererseits besteht beim Messereinsatz die Gefahr, dass damit das Myzel verletzt werden könnte. Das Pilz-Myzel ist der eigentliche Pilz. Dieses Geflecht wächst meist unterirdisch oder in abgestorbenem Holz und kann gigantische Ausmaße annehmen. Der Fruchtkörper, den wir als Pilz/Speisepilz bezeichnen, dient nur dem Zweck der Vermehrung. Ohne Pilze, so die Deutsche Gesellschaft für Mykologie (DGfM; Wissenschaft von den Pilzen) „würde das Öko-System der Erde zusammenbrechen.“

Vorsicht, Verwechslungsgefahr: Pilze erkennen und zubereiten

Auch an anderer Stelle hat Janzer, geprüfter DGfM-Pilzsachverständiger, einige Anmerkungen zu machen. So betont er mit Verweis auf die Verordnung zum Schutz wild lebender Tier- und Pflanzenarten, dass viele Speisepilze wie Steinpilze, Rotkappen und Pfifferlinge unter Naturschutz stehen und nur in kleinen Mengen für den Eigenbedarf gesammelt werden sollten. Bei schützenswerten Pilzen plädiert er dafür, nicht mehr als 300 Gramm pro Person und Tag mitzunehmen. Prachtexemplare von Steinpilzen von 1,1 Kilo oder gar 1,7 Kilo, wie kürzlich in unserer Zeitung abgebildet, sieht Janzer weniger gern im Körbchen. Obwohl all diese Exemplare in Deutschland wachsen, findet man sie aus diesem Grund auch nicht im Supermarktregal.

Eine Ausnahme gibt es: Händler auf regionalen Märkten bieten deutsche Waldpilze gelegentlich an, wenn sie dafür eine Genehmigung haben. Mäßigung scheint auch aus anderem Grund angesagt: Auch drei Jahrzehnte nach dem Reaktorunfall von Tschernobyl sind - in Teilen des angrenzenden Bayerns - einige Pilzarten nach wie vor stark mit radioaktivem Cäsium 137 belastet, so das Bundesamt für Strahlenschutz am Dienstag.

Steinpilze, so sagt Jochen Janzer, sind extrem selten. Sie gehen oft eine Symbiose mit Bäumen als Lebenspartnern ein. Wird ein solcher Pilz entfernt, kann auch der Baum durchaus Schaden nehmen. Darüber hinaus nimmt man ihm durchs Einsammeln die Chance Sporen im Wald auszubreiten und so die Art zu erhalten. Er habe, so der Mainhausener Pilzfachmann, nichts gegen das Sammeln. Er macht aber darauf aufmerksam, dass Sammler nur Pilze mitnehmen sollten, die sie eindeutig identifizieren können, und sich nicht nur Steinpilz oder Pfifferling gut in der Pfanne machen. „Es gibt viele schmackhafte und ihnen durchaus gleichgestellte Alternativen - Speisetäubling, Apfeltäubling, junge Bovisten, wenn sie weiß in der Mitte sind, oder den Elfenbein-Röhrling. Wachsen allesamt in unseren Wäldern.“ -   Der DGfM-Pilzsachverständige Jochen Janzer (Tel.: 06182/24316) beantwortet Fragen zum Thema Pilze; er ist auch bereit, mit kleinen Gruppen Exkursionen zu unternehmen.

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