Goethe, Avantgarde und „Bobbes“

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600 Veranstaltungen hat Winfried Sahm gestaltet.

Seligenstadt - In der Schulzeit hatte Winfried Sahm ein großes Problem: Er war stets der Kleinste. Zumindest, was die Körpergröße angeht. Also machte er aus der Not eine Tugend und legte sich ein großes Mundwerk zu. Von Jörn Polzin

Gefüllt mit einem schier unendlichen Repertoire an Wortschöpfungen. „Davon habe ich über die Jahre natürlich sehr profitiert“, sagt der Rodgauer schmunzelnd.

Der 62-Jährige nimmt kein Blatt vor den Mund, davon können sich auch die Mitglieder des kleinen Kunst- und Literaturkreises regelmäßig überzeugen. Und das seit ziemlich genau 20 Jahren. Im Frühjahr steht das Jubiläum an, wie groß gefeiert wird, das haben die Senioren noch nicht entschieden.

Die Idee für den Literaturkreis resultierte eigentlich aus einem Zufall. Sahm sprang für einen Kollegen ein und führte eine Gruppe durch eine Ausstellung in der Frankfurter Schirn. An das Thema erinnert er sich noch heute genau: Russische Avantgarde, eine künstlerische Epoche im Russland zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Nicht unbedingt das Spezialgebiet des Kunst- und Literaturfreundes. „Seit diesem Tag bin ich mit der Gruppe in Verbindung geblieben“, erzählt Sahm.

Über die Jahre hat sich nicht nur die Teilnehmerzahl sondern auch das Domizil des Kreises geändert. Erst im Riesen, dann im Benediktinerkloster, sind die Senioren mittlerweile im St. Josefshaus untergekommen. Im Schnitt besuchen rund 20 Personen die Präsentationen von Sahm. Die Jüngsten sind Mitfünziger, die ältesten haben sogar schon die 80 überschritten. Sich nur zurückzulehnen und den Ausführungen des Referenten zu lauschen, ist nicht ihre Sache. Im Gegenteil: Vor allem bei Themen mit regionalem Bezug sprudelt es nur so aus ihnen heraus. So auch, als Sahm den 18. und letzten Band des Frankfurter Wörterbuches präsentiert. Der Titel: „Zwatzelich in Zwanzisch-Zwölf Mundart von A bis Z“.

Erstaunliche Wortschöpfungen

Schon erstaunlich, welche Wortschöpfungen bei diesem sprachlichen Streifzug ans Tageslicht kommen. Jeder Begriff scheint bei den Senioren Erinnerungen auszulösen. Vom Dabbes ist da die Rede, der seinen Dogus (Hintern) nicht hochbekommt oder vom Dollbohrer (Trottel), der am besten ins Dollhaus (Irrenhaus) gehört.

„Die Bäcker sind Verräter des Dialektes“, scherzt Sahm. Ein Weck findet sich heute kaum noch in der Auslage. Die Brötchen haben übernommen. Kulinarisch gesehen sind viele Begriffe von einst in der Versenkung verschwunden. Oder wer kennt noch den Mais als Welschkorn? Auch die damaligen Pluralformen wirken eher fremd. Hemmer würden heute wohl nicht viele mit dem Hemd in Verbindung bringen. „Der Dialekt bleibt leider bei der Vermischung der Kulturen auf der Strecke“, bedauert Sahm. Etwas anders verhält es sich mit den Verniedlichungsformen. Der Bobbes ist zumindest in den hiesigen Sphären ein geläufiger Begriff - und wird es auch bleiben. Für die Seligenstädter Literaturfeunde sowieso.

Freilich stehen auch ernstere Themen auf dem Programm des Literaturkreises. „Wir haben uns schon mit den sieben Todsünden der modernen Welt befasst“, erzählt Sahm. Früher waren die Mitglieder häufiger unterwegs, besuchten Ausstellungen und historische Friedhöfe in der Umgebung. Mittlerweile liege der Schwerpunkt - auch aufgrund des höheren Alters - auf Präsentationen. Zehn Termine waren alleine für die Werke von Dichter-Fürst Goethe reserviert, der es Sahm besonders angetan hat. Der Rodgauer hat sogar Goethe-Pflanzen in seinem Garten stehen und verteilt diese an die Mitglieder.

Rund 600 Termine hat der Literaturkreis seit seiner Gründung angeboten. „Nur bei fünf bin ich mit dem Bus gefahren“, erinnert sich Sahm. Die halbstündige Fahrt aus dem Rodgau nach Seligenstadt legt der 62-Jährige lieber mit dem Rad zurück. Ein echter Deiwelskerl eben.

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