Angehörige schockiert

Familie erlebt Albtraum: Grab ist plötzlich komplett abgeräumt

Grabstätte nicht erfasst, Standard-Ruhefrist von 25 Jahren angenommen, Grab abgeräumt: Die Angehörigen fühlen sich überrumpelt.
+
Grabstätte nicht erfasst, Standard-Ruhefrist von 25 Jahren angenommen, Grab abgeräumt: Die Angehörigen fühlen sich überrumpelt.

Kann uns etwas über den Tod eines nahen Angehörigen hinaus schockieren? Ja, wenn wir auf den Friedhof kommen und das Grab ist abgeräumt. Genau das ist einer Familie im Kreis Offenbach passiert.

Seligenstadt – Die Seligenstädter Familie Müller, die eigentlich anders heißt, aber ihren Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, erlebte einen Albtraum. Als Angehörige wollten sie das Familiengrab besuchen, um die Blumen in der Grabschale zu gießen. „Mittwochs war das Grab noch da, freitags komplett abgeräumt und das ohne schriftliche Information. Grabstein, Grabplatte und alles, was sich darauf befand - einfach geschreddert“.

Erster Stadtrat Michael Gerheim räumt das im Grundsatz ein, betont allerdings, dass die Stadt vorab auf mehreren Wegen vergeblich versucht habe, Kontakt mit den Angehörigen aufzunehmen. Auslöser einer nun folgenden Verkettung unglücklicher Ereignisse ist freilich eine Fahrlässigkeit bei der Registratur des Grabes.

Seligenstadt (Kreis Offenbach): Nutzung der Grabstätte eigenlich für 40 Jahre festgelegt

Aber der Reihe nach. Im Familiengrab sind zwei Angehörige bestattet worden - in den Jahren 1987 und 1995. Besonderheit: Eine Urkunde belegt, dass die Hinterbliebenen „eine Benutzung der Grabstätte für die Dauer von 40 Jahren“ festgelegt hatten.

Als die Stadt Seligenstadt im Jahre 2017 eine Inventur aller Gräber der Stadt vornahm, stellte sie fest, dass auf dem gesamten Friedhof ein einziges Grab nicht in den Unterlagen erfasst war: Ausgerechnet für das Grab der Familie Müller gab es keinerlei Daten im Friedhofsarchiv.

Bei der erforderlichen Festlegung der Ruhefrist ging man deshalb vom Standard-Nutzungsrecht aus, sagt Gerheim. Also 25 Jahre Ruhefrist und nicht 40, wie tatsächlich bezahlt. Demnach kam das Grab auf die Liste der aufzulösenden Grabstätten. Gleichwohl, so der Stadtrat weiter, sei letztlich nur die Oberfläche des Grabes abgeräumt worden. Die Totenruhe, betont der Stadtrat, bleibe in jedem Falle weiter ungestört- eine Neubelegung sei derzeit nicht vorgesehen - sie sei auch im Falle Müller nicht gestört worden.

Ablauf der Ruhefrist

Nach Ablauf der Ruhefrist muss ein Grab abgeräumt werden. Dürfen das die Angehörigen übernehmen oder Firmen damit beauftragen, Grabsteine oder Platten zu entfernen? Nein, sagt die Friedhofssatzung. Das sei Angelegenheit des städtischen Bauhofs. Damit die Stadt nicht auf ihren Auslagen sitzen bleibt, sieht die Satzung zudem vor, dass die Abräumkosten schon bei der Beerdigung erhoben werden. (mho)

Albtraum in Seligenstadt im Kreis Offenbach: Grab einer Familie wird einfach abgeräumt

Hat die Stadt im Kreis Offenbach dennoch mit der Abräumung des Grabes voreilig und fahrlässig gehandelt? Nein, sagt Gerheim. Gleich mehrfach habe die Stadt vergeblich versucht, Kontakt mit den Angehörigen aufzunehmen, schließlich auch die zuletzt bekannte Wohnadresse aufgesucht. Dass die Verstorbenen nicht Müller hießen, also denselben Namen trugen wie die Angehörigen, sorgte für zusätzliche Probleme. Da eine Kontaktaufnahme nicht möglich gewesen sei, habe die Stadt ein Hinweisschild am Grab angebracht: „Das ist dokumentiert“. Warum die Familie Müller dennoch keine schriftliche Information auf dem Friedhof vorgefunden hat, lässt sich nicht klären. Womöglich hat jemand den Zettel abgenommen oder der Wind hat ihn weggeweht.

Die Stadt habe sich keine große Mühe gegeben, auch nicht im Archiv nach Angehörigen oder Details gesehen, meint die Familie Müller: „Auch wenn sich in der Nutzungsdauer oder der Satzung etwas ändern sollte, so muss man sich die Mühe machen nach Angehörigen zu sehen, um diese zu informieren. Wir möchten alle Bürger darauf hinweisen, sich nicht auf eine Urkunde zu verlassen oder falls sie eine Grabstättenurkunde eines Angehörigen besitzen, die länger als 30 Jahre gültig ist, nochmal in der Gemeinde gegenprüfen zu lassen.“ (Michael Hofmann)

Eine grundlegende Veränderung der Bestattungskultur stellt die Verwaltung in Seligenstadt vor neue, ungeahnte Herausforderungen. Der Trend geht weg von der klassischen Sargbestattung und hin zu Urnenbestattungen

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare