„Mit Musik will ich nicht aufhören“

Hainburg: Kantor Thomas Gabriel verabschiedet sich in die passive Altersteilzeit

Komponist und Kantor Thomas Gabriel im Tonstudio des Musikzentrums St. Gabriel in Hainstadt.
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Thomas Gabriel im Tonstudio des Musikzentrums St. Gabriel in Hainstadt, dessen Leitung er niederlegt.

Thomas Gabriel wird künftig nicht mehr das Musikzentrum St. Gabriel in Hainstadt leiten. Nach dem 31. März tritt der Komponist, Kirchenmusiker und Kantor nach zwei Jahren aktiver Altersteilzeit in deren passive Phase ein, diese läuft bis Juni 2023. Aus Seligenstadt zieht das Musikgenie aber nicht fort.

Ostkreis –Thomas Gabriel bleibt Kindern, Jugendlichen und Mitarbeitern des einzigartigen Bistums-Projekts im Rahmen des Theresien Kinder- und Jugendhilfezentrums Offenbach ehrenamtlich verbunden, auch vor Ort. Projekte, die pandemiebedingt ausfallen mussten, werden fortgeführt oder nachgeholt, darunter Gabriels Neuvertonung zu Johann Sebastian Bachs berühmter „Matthäus-Passion“ und das von ihm vor 2020 entworfene Oratorium „Die sieben Todsünden“, das wie eine Deutung der Corona-Krise wirkt.

Der Musikstil des bekennenden Genesis- und Pink-Floyd-Fans ist vielgestaltig, sein eigenes Werkverzeichnis scheint Gabriel zuweilen selbst nicht zu überblicken. Mindestens sieben mitreißende Oratorien sind zu verbuchen, darunter das Rock-Oratorium „Daniel“ zum Thema Flucht und Vertreibung und das Schöpfungsoratoriums „…und dann war Licht“ in sieben Bildern. Riesenbeifall erntete in der Einhardbasilika in Seligenstadt die Uraufführung des „Bonifatius“-Oratoriums zum 1250. Todestag des angelsächsischen Missionars im rechtsrheinischen Ostfranken, dem ehemaligen Germanien.

Bundesweit bekannt wurde Gabriel 2005, als er in Köln sein Musical „Rachel“ zum Weltjugendtag und Papst-Besuch von Benedikt XVI. präsentierte. Als musikalischer Leiter prägte Gabriel den Ökumenischen Kirchentag in Berlin sowie die Katholikentage in Ulm, Saarbrücken, Osnabrück und Leipzig. Herausragend waren auch die Aufführungen seines sozialkritischen Musicals „Broken Hartz“ in der EVO-Schlosserei Offenbach und im Mainzer Theater 2017. Gabriel brachte dabei, in Zusammenarbeit mit Offenbachs Caritas, den Komplex Arbeitslosengeld II samt Umgang der Jobcenter mit Leistungsempfängern auf die Bühne. Die Rollen der Langzeitarbeitslosen besetzten selbst betroffene Menschen. Dazu kommen Gabriels Messen, Märchen-Singspiele und gregorianische Musikmeditationen. Auf mehreren Erdteilen hörte man jazzige Bach-Adaptionen vom Thomas-Gabriel-Trio.

Aber das alles hat Dauerbrenner Gabriel, der mit 13 Jahren Konzertpianist werden wollte, nicht zum Überflieger gemacht. Der zuweilen scheue Mann bekennt: „Als ich nach Seligenstadt kam, war das Liebe auf den ersten Blick. Als ich den goldenen Barockengel Gabriel auf der Vierungskuppel der Einhard-Basilika sah, war es um mich geschehen. Ich fühle mich bis heute hier sehr wohl, auch wenn ich von langen Reisen zurückkomme. Das Bistum Mainz ist nach wie vor offen für meine Ideen, bei denen ich als Kantor der Basilika St. Marcellinus und Petrus den kunstsinnigen Pfarrer Dieter Ludwig auf meiner Seite hatte.“

Jetzt übt sich Gabriel in der Kunst des Aufhörens: „Ich möchte für meine Arbeit freier sein, habe Aufträge. Mit Musik will ich nicht aufhören, aber mit dem Angestelltenverhältnis. Auch möchte ich mehr Zeit für meine Familie samt Pudel-Mischling Danger haben. Im Lockdown lernte ich freie Wochenenden kennen – neu und wunderschön.“ Familienmensch Gabriel war kürzlich bei einer ZDF-Übertragung zu sehen, als er beim Mainzer Gottesdienst zu den „Sternsingern“ am Piano Stücke mit seinen singenden elfjährigen Töchtern Emma und Karla interpretierte.

„Königliche Hofmusik kann auch schön sein. Kirchenmusik von Schubert oder Mozart spricht von der Sehnsucht nach dem lieben Gott. Aber meine Stücke wollen auch Finger in Wunden der Gesellschaft legen“, lautet Gabriels Credo. Seine „Sozialmusik“, die er oft zu Texten des evangelischen Pfarrers Eugen Eckert vertonte, basiert auf Gerechtigkeitsgefühl, Sorge um die Welt, Ängsten und stillem Zorn. Dazu findet Gabriel berührende Bilder menschlicher Existenz in Passionen und Oratorien seines Idols: „Johann Sebastian Bach lebte und komponierte kompromisslos, geriet in Konflikte mit der Obrigkeit. Er fühlte sich wie ich in starren Hierarchien nicht wohl. Bachs zeitloser, tiefgründiger Musik kann man sich nicht entziehen.“

Gerne hätte Gabriel deshalb im vergangenen April seine Version zu Bachs „Matthäus-Passion“ im Konstanzer Münster uraufgeführt, dann aber kam der erste Lockdown. Auch die Aufführung in St. Marien Seligenstadt musste abgesagt werden. „Ich werde das 2022 nachholen“, verspricht Gabriel.

Zu seiner bisherigen Arbeit im Musikzentrum St. Gabriel zieht er folgendes Fazit: „Musik ist ein Geschenk Gottes, hat Macht übers Fühlen und Denken. Sie hebt auch mich empor, wenn ich unten bin. Als Elixier ist sie nicht nur für die Upperclass da, sondern auch für Kinder aus kaputten Familien, mit denen ich gerne arbeite. Singend und musizierend machen sie neue Erfahrungen.“ Ein Anliegen, das er auch in Corona-Zeiten mit dem Streamen von Gottesdiensten übers Internet und virtuellen Chorprojekten weiter verfolgt hat. (Reinhold Gries)

Skeptikern und Kirchenfernen Glaubensinhalte vermittelt

Der studierte Komponist und katholische Kirchenmusiker Thomas Gabriel wurde 1957 in Essen geboren, besuchte dort die Folkwang-Hochschule. Er arbeitete zunächst als freischaffender Künstler beim WDR und den Ruhrfestspielen, war dann Kantor in Recklinghausen, Idstein und Saarbrücken.

Von 1998 bis 2016 arbeitete er als Regionalkantor fürs Bistum Mainz für die katholischen Dekanate Offenbach, Rodgau und Seligenstadt. Sein Schwerpunkt „Neues Geistliches Lied“, in dem er oft auch alte Musik in ein neues Gewand kleidet, war Programm. Nicht nur Kardinal Karl Lehmann erhoffte von ihm eine Erneuerung der Kirchenmusik: Gabriel sollte Glaubensinhalte textlich und musikalisch so vermitteln, dass sie auch von kirchenfernen Kindern und Jugendlichen sowie skeptischen Erwachsenen verstanden werden.

Wie das gelungen ist, merkte man auch an Gabriels 50. Geburtstag, als der Mainzer Kardinal persönlich in Seligenstadt vorbeischaute, um die Arbeit seines Lieblingskomponisten zu würdigen.

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