Coronakrise

Klaus Deller: „Werte überstehen alle Krisen“

Dr. Klaus Deller ist sozial stark engagiert.
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Dr. Klaus Deller ist sozial stark engagiert.

Der Mensch ist ein soziales Wesen, es entspricht ihm nicht, sich in sich selbst zurückzuziehen. Was macht die wegen der Coronagefahr derzeit angeratene Kontaktvermeidung mit einem, der gern unter die Leute geht, der sich vielfältig engagiert?

Hainburg – Wir sprachen mit Dr. Klaus Deller. Der 70-jährige Chemiker im Ruhestand lebt in Hainburg und ist ehrenamtlich tätig, so bei der Hospizgruppe Seligenstadt und Umgebung sowie beim Freundeskreis für Kapelle und Haus St. Gabriel in Hainstadt.

„Tatsächlich bin ich gerade dabei, in mich zu gehen, innezuhalten für mich selbst“, erzählt Deller und betont: „Es ist auch ein positives Gefühl, auf manches zu verzichten, das mich umtreibt – einkaufen, Auto fahren, Urlaub planen.“ Genau da hat ihm die Krise einen Strich durch die Rechnung gemacht. Vorgestern sollte der Ferienflieger mit ihm und Gattin an Bord nach Costa Rica abheben. Daraus wurde nichts, aber Deller nimmt es gelassen. „Ich habe mir einen dicken Wälzer besorgt, ,Die Jakobsbücher’ von Olga Tokarczuk.“ 1200 Seiten hat das Werk der polnischen Nobelpreisträgerin für Literatur, 100 hat er erst geschafft. Er macht sich sogar Notizen, „das habe ich früher nie getan“.

Auch sonst betritt das Ehepaar Deller Neuland. „Wir haben einen lang gehegten Plan umgesetzt, sind zum Kühkopf geradelt und haben Bärlauch gesammelt.“ Auch für ausgedehnte Spaziergänge ist endlich Zeit – solange diese noch erlaubt sind.

Was dem Großvater wehtut: „Ich kann meine Enkel nicht sehen.“ Dabei sorgten seine Kinder sich eher um ihn und seine Frau; einen regelrechten Einlauf habe sein Sohn ihm verpasst, berichtet Deller: „Du kommst auf gar keinen Fall!“ Und seiner alten Mutter solle er das Essen vor die Tür stellen. Das empfinde er als „übergriffig“.

Aber der fitte Rentner hat aus der Not eine Tugend gemacht. „Ich habe jetzt Skype eingerichtet und kann so mit meinen Enkeln in Mainz reden.“ Eine Enkelin lernt auf die Weise Englisch mit ihm – und der Hobbygeiger selbst nahm gestern seine erste Video-Unterrichtsstunde an der Musikschule. „Das hätte ich ansonsten nie gemacht.“

Überhaupt sammelt er positive Erfahrungen. „Obwohl die Leute Distanz halten, ist die Kommunikation intensiver“, hat Deller beobachtet. „Man grüßt sich über die Straße, erkundigt sich nach dem Befinden. Und die Nachbarn haben angeboten, für uns einkaufen zu gehen.“

Seinen Alltag hat Deller vorerst umstrukturiert und sich selbst Kontaktarmut verordnet. Weil zum Beispiel der Vorstand der Hospizgruppe nicht wie üblich in St. Marien tagen konnte, wollte er sich im Haus eines Mitglieds treffen. „Da habe ich gesagt, das mache ich nicht. Telefonisch ja, physisch nein.“ Die Sitzung wurde abgesagt.

Was Deller bedrückt ist die Unterbrechung des Kulturlebens. „Theater, Oper, Kino, Konzert, das fehlt mir.“

Schlimmer noch: Die Schließung kirchlicher Räume sei für ihn „ein Schlag“ gewesen, so der gläubige Katholik. „Ich habe mit Schrecken das Schreiben von Bischof Peter Kohlgraf gelesen, dass wir Eucharistiefasten praktizieren sollen, damit wir uns auf die Wiederausteilung der Kommunion umso mehr freuen.“ Eher hätte er sich einen Appell zur Rückbesinnung auf die geistige Kraft der Religion gewünscht. „Der Konsum steht auf dem Prüfstand, weniger Autos werden gebaut, das Wachstum geht zurück, die Börsen brechen ein, da ist eine Konzentration auf andere Werte gefragt. Die überstehen alle Krisen!“

Noch ist Deller zuversichtlich; mit einer Einschränkung: „Ich sehe mit Sorge, wie es weitergeht. Wenn dieser Zustand anhält, dürfte dem einen oder anderen die Decke auf den Kopf fallen...“

Von Markus Terharn

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