Zutiefst katholisches Werk

Thomas Gabriel über Messiaens „Quartett für das Ende der Zeit“

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Thomas Gabriel Leiter des Musikzentrums

Zusammen mit namhaften Musikern und dem Ballettforum Seligenstadt führt Thomas Gabriel am Karfreitag das „Quartett für das Ende der Zeit“ von Olivier Messiaen im Musikzentrum in Hainstadt auf (dazu text unten) – und zieht damit auch Kritik der Amtskirche auf sich.

Hainstadt – Im Interview spricht der Kantor für Neue Musik und soziale Projekte über seine Beweggründe und die Bedeutung dieses Werks.

Warum haben Sie ausgerechnet das Werk „Quartett für das Ende der Zeit“ für ein Konzert am Karfreitag gewählt?

Das „Quatuor pour la fin du temps“ hat als zentrales Thema die Aufhebung der Zeit. Diese findet sich in der Ankündigung des Engels der Apokalypse, der Offenbarung des Johannes. Angesichts des Geschehens an Karfreitag, bei dem die Welt quasi „die Luft anhält“, erscheint mir diese Nacht der richtige Zeitpunkt für dieses tief gehende, mystische und zutiefst katholische Werk.

Wie hat die katholische Kirche auf diese Pläne reagiert?

Der Karfreitag ist liturgisch durch die traditionelle Karfreitagsliturgie um 15 Uhr geprägt, in der keine Instrumentalmusik und vor allem kein Tanz stattfinden darf. Von daher gibt es schon auch Unverständnis für solche Planungen. Andererseits gibt es aber in vielen Gemeinden Ansätze, dem tiefen Sinn und Ernst dieses Karfreitagsgeschehens nachzuspüren. Wir wollen in St. Gabriel mit unseren Angeboten ja nicht ersetzen, sondern ergänzen – und sicherlich kann man das Leiden und Sterben aus unterschiedlichsten Blickwinkeln betrachten.

Was macht die Komposition Ihrer Ansicht nach so besonders?

Ich zitiere den Komponisten: „Die thematischen Motive, die melodisch und harmonisch eine Art tonale Allgegenwart ergeben, bringen den Hörer der Ewigkeit in Raum und Unendlichkeit näher, … tragen dazu bei, das Zeitliche in die Ferne zu rücken.“ In acht Sätzen mit einer Dauer von 50 Minuten wird ein liturgisch-theologischer Bogen gespannt, der ins Mystische reicht.

Welche Bedeutung hat Messiaens 1940/41 entstandenes Werk heute?

Messiaen hat das Stück als Kriegsgefangener geschrieben, für Musiker, die mit ihm in Haft waren. Es wurde 1941 in einem schlesischen Lager vor 500 Mithäftlingen aufgeführt, Menschen aus allen Bildungsschichten. Messiaen sagt: „Nie wieder hat man mir mit solcher Aufmerksamkeit und solchem Verständnis zugehört wie damals.“ Ich glaube, wir müssen lernen, uns auseinanderzusetzen, lernen, in die Tiefe zu hören.

Handelt es sich hier um ein einmaliges Projekt, oder könnte es der Auftakt für eine neue Konzertreihe am Karfreitag sein?

Es ist keine Konzertreihe, schon eher eine Gottesdienstreihe, oder besser: etwas dazwischen. Wir machen das jetzt im dritten Jahr, immer in unterschiedlichen Profilen. Wir merken: die Menschen sind auf der Suche nach Antworten. Wenn wir den größten katholischen Künstler des 20. Jahrhunderts durch brillante Musiker zu Wort kommen lassen (das Stück wird sehr selten aufgeführt, weil es sehr schwer zu spielen ist), haben wir doch die Chance, dass der eine oder andere danach mit der Ahnung einer Antwort nach Hause geht.

Sie haben noch eine Choreografie geplant. Warum?

Ich habe schon einmal, damals in Saarbrücken, Musik von Messiaen „vertanzen“ lassen. Damals war es „Der Kampf zwischen Leben und Tod“. Durch die Visualisierung kann sich ein zusätzlicher Zugang zu dem Inhalt der Musik ergeben. Mit Karina Jäger haben wir eine hochprofessionelle Tänzerin in unserer Region, die sicherlich großartige Ideen zu diesem transzendenten Werk entwickelt haben wird. Ich lasse mich überraschen.

Die Fragen stellte Oliver Signus.

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