Herausforderung durch Corona

„Motivation sinkt“: Erfahrungen mit Homeschooling in der Corona-Pandemie

Hausaufgaben am Bildschirm stellen vor allem für Grundschüler eine große Hürde dar. symbol
+
Hausaufgaben am Bildschirm stellen vor allem für Grundschüler eine große Hürde dar. (Symbolbild)

Zu Hause arbeiten und gleichzeitig die Kinder unterrichten, ständig präsent und konzentriert sein - seit knapp vier Wochen Alltag in vielen Familien. Eine Herausforderung wie eine Umfrage zeigt.

Ostkreis – Mädchen und Jungen im Grundschulalter benötigen die volle Aufmerksamkeit ihrer Eltern bei der Bewältigung von Hausaufgaben - für manche eine Herausforderung, wie eine Umfrage an Grundschulen im Ostkreis in Seligenstadt zeigt. Einen verstärkten Trend hin zum Präsenzunterricht hat Jutta Schneider, Leiterin der Mainhausener Anna-Freud-Schule, nicht beobachtet. 31 der 126 Kinder besuchen die Schule, der Rest arbeitet die Aufgaben zu Hause ab.

„Grundsätzlich ist Homeschooling im Grundschulalter bei noch so guter Vorbereitung eine Herausforderung für alle Beteiligten“, sagt sie. Auch wenn Eltern den Stoff beherrschten, so sei es eine andere Sache, ihn verständlich zu vermitteln, und in Verbindung mit Homeoffice nicht einfach. Die Mädchen und Jungen könnten auch im vierten Schuljahr noch nicht alles selbsttätig erledigen. „Gute Schüler sind zu Hause plötzlich nicht mehr in der Lage, konzentriert an einem Thema zu bleiben und eigene Lösungen zu finden“, berichtet Jutta Schneider von Rückmeldungen. Eine sehr gute Schülerin aus ihrer Klasse habe nach Problemen mit dem Stoff während des Corona-Lockdowns gesagt: „Ich bin einfach für Homeschooling nicht gemacht.“

Homeschooling in der Grundschule in Seligenstadt: Soziale Kontakte fehlen

Die Vorbereitung der Aufgaben und Videos für die Kinder zu Hause bedeute für die Lehrkräfte ungleich mehr Aufwand. „Bei allem muss überlegt werden: Kann das Kind das Thema ohne Erarbeitung im Klassenverband richtig erfassen und eigenständig daran arbeiten, sodass es auch Sinn macht und nicht nur ein Abarbeiten ist?“ beschreibt die Leiterin. Differenzierungen seien schwierig, wenn die Kinder nicht vor Ort sind. „Auch bei regelmäßigem Kontakt und gezielter Kontrolle weiß ich nicht, ob das Kind das allein, mit Hilfe oder mit Lösungsblatt erarbeitet hat. Diese Probleme löst auch eine bessere digitale Ausstattung nicht.“

Jutta Schneider hat regelmäßig Kontakt mit ihrer Klasse, alle Kinder wünschen sich die Rückkehr in den gewohnten Schulalltag. „Sie vermissen ihre Klassenkameraden, die Lehrer, den Austausch untereinander, das Spielen und sogar den Streit und die Konflikte“, weiß die Pädagogin zu berichten. Nach der letzten Homeschooling-Phase im vergangenen Jahr hätten die Kinder eine ganze Weile gebraucht, bis sie im sozialen Miteinander wieder angemessen reagierten und sich auf Gemeinschaft einlassen konnten, hat sie beobachtet. Vor allem die Kinder der ersten und zweiten Klassen hätten das Miteinander bisher nur „bruchstückhaft“ üben können. „Sie brauchen mit Sicherheit viel Sozialtraining, wenn sie zurückkommen“, glaubt die Pädagogin. Das Lernen am Bildschirm sei ein Teil der Schule heute, aber eben nur ein Teil. „Das Lernen im direkten Austausch, durch Sprechen über die Lerninhalte, die Lösungswege, vor Ort, im direkten persönlichen Kontakt hat, nach meiner Meinung, für die Grundschule weiterhin Priorität“, betont Jutta Schneider.

Homeoffice, Homeschooling, Betreuung: Eltern kommen in der Corona-Krise an ihre Grenzen

Während die Schülerzahl an der Anna-Freud-Schule im Präsenzunterricht konstant niedrig ist, hat sie sich an der Alfred-Delp-Schule in Froschhausen fast verdoppelt. 60 der 140 Kinder besuchen derzeit den Unterricht. „Für Kinder nichtdeutscher Herkunftssprache, für Kinder mit vielen Geschwistern im Haushalt und für Kinder, denen das Lernen nicht leicht fällt, ist die Möglichkeit, den Präsenzunterricht zu besuchen, eine große Hilfe. Sie bleiben sonst möglicherweise auf der Strecke“, sagt Leiterin Gabriele Adam. Wie auch ihre Kollegin Jutta Schneider hat sie festgestellt, dass den Kindern die Kontakte fehlen. Digitale Treffen könnten diesen Mangel nur unzureichend ausgleichen. „Eltern kommen mit dem Nebeneinander von Homeoffice, Homeschooling, Betreuung von kleineren Geschwisterkindern und Haushalt allmählich an ihre Grenzen“, hat sie beobachtet.

Es entstehe viel Druck zwischen Kindern und Eltern bezüglich des Lernpensums, was wiederum dazu beitrage, dass Kinder Motivation und Freude am Lernen verlieren könnten. „Grundschule lebt von Anschauung und Anfassen, ein handlungsorientierter Unterricht ist über digitale Veranstaltungen kaum möglich“, betont Gabriele Adam. Auch seien die Kleinen selten in der Lage, sich alleine und eigenständig mit Computer und Lernpaketen zu beschäftigen. „Vor einem Jahr noch machte man sich Sorgen, ob die Kinder nicht zu viel in den digitalen Medien unterwegs sind, jetzt soll plötzlich so viel wie möglich online verabreicht werden“, kritisiert die Pädagogin. Auch seien nicht alle Familien technisch optimal ausgestattet.

Homeschooling in der Corona-Pandemie: Soziales Lernen bleibt auf der Strecke

Für die Schulleiterin leben Entwicklung, Lernen und Erziehung vom unmittelbaren Kontakt zwischen den Menschen. „Abstand zu anderen, digitaler Unterricht und ausschließlich Bildschirmkontakte nehmen den Kindern entscheidende zwischenmenschliche Erfahrungen. Ich hoffe, das geht nicht mehr lange so.“ Vor allem soziales Lernen (Rücksichtnahme, Empathie, Aushandlungsprozesse, Konfliktbewältigung, etc.) könne nicht ausreichend geübt werden und bleibe möglicherweise auf der Strecke.

Von einer insgesamt „geringfügigen Zunahme“ im Präsenzunterricht spricht Ute Simon, Rektorin der Seligenstädter Emmaschule. 91 der 242 Jungen und Mädchen nutzten diese Möglichkeit, „allerdings nicht an allen Wochentagen“. Die Rückmeldungen der Eltern, deren Kindern von zu Hause aus unterrichtet werden, reicht von „sehr zufrieden“ bis „Motivation sinkt“ und „Wir sind mit der Begleitung der Lernprozesse zuhause überfordert“. Vereinzelt gibt es laut Ute Simon „sehr hohe Erwartungen aufgrund von Elterninformationen seitens des Ministeriums, die von den Schulen nicht oder nur in Teilen aufgrund der vorhandenen personellen und technischen Ressourcen erfüllt werden können“.

Susanne Meißner, Leiterin des Staatlichen Schulamtes Frankfurt, bestätigt eine Zunahme beim Präsenzunterricht. „Tendenziell hat sich die Anzahl der Kinder von Woche zu Woche erhöht“, sagt sie. Auch erhalte sie Rückmeldungen von Eltern, die über die Doppelbelastung klagen. (Von Oliver Signus)

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare