Als Hitler und Göring Pate standen

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Straßenschilder haben oft einen politischen, geographischen oder geschichtlichen Ursprung.

Seligenstadt ‐ Straßennamen nehmen oft auf Politik, Geschichte oder geographische Vergangenheit Bezug. Bei der Geographie ist das meist recht einfach - auch in Seligenstadt: Odenwaldring, Berliner Straße, Rhönring oder Taunusstraße sind verständliche Begriffe. Von Max Bogner

Im Straßennetz ist das eigentliche Motiv der Namensgebung oft nicht mehr zu erkennen. Die Frankfurter Straße benutzte früher jeder, um nach Frankfurt zu kommen; oder die Steinheimer Straße wenn er in Steinheim die Verwandtschaft besuchen wollte. Königsberger-, Sudeten- oder Stettiner Straße setzen bei der jüngsten Generation schon Geschichts- und Geographiekenntnisse voraus, denn diese Namen stehen bei vielen Familien für die ursprüngliche Heimat.

Auch oft nur noch der älteren Generation ein Begriff sind alte Flurbezeichnungen, etwa Am Riegelsbach, Am Klinggraben, Im Griesgrund oder Im Klosterbrühl. Nicht immer herrscht Einigkeit über den Ursprung von Bezeichnungen. Ist der „Kortenbach“ nun vom „kurzen Bach“ oder einem Flurnamen abgeleitet? Ähnliche verhält es sich beim Bezug auf historische Namensgeber: Wirkte der Fauth in der Vautheigasse oder doch besser in der Fautheigasse? Unterlagen lassen oft keine eindeutigen Auslegungen zu.

Straßennamen können bei der Orientierung helfen

Meist verständlich und oft bei der Orientierung hilfreich sind dagegen Straßennamen, die sich an Einrichtungen und Bauwerken in der Stadt anlehnen. So kann man sicher sein auf der Bahnhofstraße oder der Eisenbahnstraße zum Bahnhof zu finden, genauso wie auf der Friedhofstraße oder Am Schwimmbad zur entsprechenden Einrichtung zu gelangen.

Problemlos ist die Deutung bei der Verwendung von Tier- und Pflanzennamen wie etwa Finkenweg, Meisenweg, Schafgasse und Lindenstraße. Auch die Gerbergasse, Schäferstraße oder die Kleine und Große Fischergasse sind mit ihren Hinweisen auf alte Berufe verständlich.

Die Verwendung berühmter und verdienter Persönlichkeiten als Namensgeber lässt oft das Verständnis bei dem Bürger etwas schwinden. Beethovenweg, Haydnstraße oder Schillerstraße sind Standardnamen, die in vielen Gemeinden zu finden sind. Eine kleine Herausforderung sind dagegen schon Elisabeth-Selbert-, Marie-Curie- oder Luise-Büchner-Straße im Baugebiet Silzenfeld. Freundliche Hinweistafeln an den Straßenschildern klären in diesen Fällen über die Hintergründe auf, aber leider nicht immer. Die alteingesessenen Seligenstädter haben natürlich keine Probleme mit Willi-Brehm- und Franz-Böres-Straße oder Dr.-Hermann-Neubauer-Ring. Nicht immer ist die Namensgebung unserer Straßen für die Ewigkeit. Im 19. Jahrhundert wechselten manche Gassen und Straßen ihre Namen. Der Stadtgrabenweg wurde zur Grabenstraße, In den Haaggärten wurde als Mauergasse weitergeführt, und die Ochsengasse wurde in die Steinheimer Straße einverleibt. Dies sind nur einige Beispiele aus dieser Zeit.

Umfangreiche Umbenennungen in Klein-Welzheim

Der Wechsel eines politischen Systems hat erfahrungsgemäß gravierende Änderungen zur Folge. Das dokumentierte der NS-Staat mit seinem Propagandaapparat und seinem Spitzelsystem - mehr oder weniger flächendeckend auch bei den Straßen. Wer erinnert sich an die Adolf-Hitler-Straße (Bahnhofstraße) oder den Horst-Wessel-Platz (Kapellenplatz)? Nicht ganz offiziell konnte man auch in der Hindenburg-Anlage (unterhalb alter Friedhof) seinen Hund ausführen. Noch umfangreicher waren die Umbenennungen im heutigen Ortsteil Klein-Welzheim. Straße der SA (Hauptstraße), Göringstraße (Pfarrgasse), Horst-Wessel-Straße (Ketteler Straße) und andere systemkonforme Namen waren vor etwa 70 Jahren Postanschriften. Froschhausen blieb offensichtlich von diesen Aktionen verschont, da dort kein linientreuer Bürgermeister eingesetzt war.

Namensänderungen in jüngerer Zeit machte die Gebietsreform notwendig. Um eindeutige Postanschriften zu erhalten mussten Doppelungen korrigiert werden. Nicht immer reibungslos und nicht immer mit dem Verständnis der Anwohner erfolgten diese Umstellungen. Neu entstanden in der Kernstadt sind unter anderen: Am Riegelsbach (Gartenstraße), Hörsteiner Weg (Spessartweg), Unterbeune (Feldstraße), Würzburger Straße (Schulstraße) und die Kolpingstraße (Kettelerstraße).

Aber auch ohne diese „verordneten“ Veränderungen gibt es gelegentlich Modifizierungen: Schon vor 1950 wurde aus der Straße „Am Bahnhof“ die Mittelbeune, aus einem Teilstück der Franz-Böres-Straße „Im Klosterbrühl“, und im Jahr 2002 wandelte sich der Friedhofsweg in die Dr.-Otto-Müller-Straße.

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